Predigtreihe zu den Paramenten / Antependien

Im Oktober und November 2012 hielten die Pastorin und die Pastoren Predigten zu den Antependien, Paramenten, die von der Bremer Kunstweberin Ursula Jaeger für die Martin-Luther-Kirche hergestellt wurden. Die Predigten können Sie hier nachlesen bzw. als pdf-Datei herunterladen.

Vier Farben: Rot

Nachschrift der Predigt von Pastor Harms am 21.10.2012

„Evangelisches Rot – katholisches Rot“

Ich möchte Ihnen aus der Erinnerung die Kerngedanken meiner Predigt über die liturgische Farbe Rot in Erzählform vorlegen:

Rot – das ist in der Kirche die Farbe des Feuers und der Liebe, des heiligen Geistes und der Kirche, auch des Blutes. Evangelisches Rot wird vorgehängt an Pfingsten, aber auch zum Reformationsfest. Der Reformationstag war der Mittwoch nach meinem Gottesdienst. Katholisches Rot ist öfter zu sehen, z.B. am Palmsonntag oder zu den verschiedenen Märtyrerfesten.

Da ich sonst über Pfingsten die Vater-Kind-Freizeit leite, in der Kirche also noch nie über Pfingsten gepredigt habe, hole ich einen Teil meiner kleinen Pfingstansprache auf die Kanzel:

Obwohl die Menschen verschiedene Sprachen sprechen, können die Zuhörer die Rede von Petrus verstehen.
Das ist Pfingsten: Menschen verstehen die Frohbotschaft über Sprach- und andere Grenzen hinweg. Die Kirche ist an ihrem Ziel angekommen. Die Kirche ist wieder an ihrem Ursprung. Die Pastoren/innen, gleich welcher Konfession, „lehren uns innerlich im Geist mit den lebendigen Lehren im Geiste Jesu Christi“ (Martin Luther, 1520, Traktat von der christlichen Freiheit). Gleich danach schreibt Luther weiter: „Wir sind aber alle, die wir an Christus glauben, Priester und Könige, so wie es 1. Petrus 2,9 heißt: ‚Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das Volk des Eigentums, das königliche Priestertum und priesterliche Königtum, dass ihr die Wunder dessen erzählt, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.‘“

Rot für diese reformatorische Erkenntnis, die heißt: solus Christus – nicht vom Priester hängt mein Heil ab, sondern davon, ob ich das glaube, dass ich zu diesem priesterlichen Königtum gehöre.

Rot für diese Lebendigkeit und Liebe zum Menschen, der nichts vorweisen muss, um von Gott geachtet zu sein.

Rot für das Pfingstwunder: etwas wie Flammen ist über unseren Köpfen zu sehen, weil wir wirklich anfangen zu glauben. Und dieser Glaube ist völlig unabhängig von der Zahl, aber auch von der bewiesenen oder beteuerten Glaubwürdigkeit der Märtyrer. Evangelisch ist eher der Glaube, der in 1. Korinther 13 aufscheint: „Selbst wenn einer seinen ganzen Besitz verteilt und den Feuertod auf sich nimmt, aber die Liebe nicht hat, ist alles umsonst.“

Rot für eine Logik, eine Art zu denken und zu leben, die Heil nicht erst erwartet, nachdem gelitten wurde und Blut vergossen ist.

In der Lesung des Sonntags aus dem Römerbrief, Kapitel 4, kommt das gut zum Ausdruck. Hier schreibt Paulus:

„Was ist denn das Entscheidende, das Abraham von Gott empfangen hat? Man sagt, Abraham habe so große Leistungen aufzuweisen, dass er wirklich ein Gerechter gewesen sei. Aber können denn Leistungen eines Menschen vor Gott von Bedeutung sein?

Die heilige Schrift sagt ganz anderes. Sie sagt: ‚Abraham verließ sich auf Gott und vertraute ihm, und so war Gott mit ihm einverstanden.‘

Wer von seinen Leistungen nichts erwartet, sich aber darauf verlässt, dass Gott ihn anerkennt auch ohne den Nachweis fehlerloser Frömmigkeit, dem rechnet Gott sein Vertrauen an und lässt ihn als einen Gerechten gelten. Der Glaube Abrahams galt dem, der fähig ist, Tote lebendig zu machen und ins Dasein zu rufen, was nicht vorhanden ist.“

Der Predigttext für den Reformationstag war Kapitel 5 aus dem Galaterbrief. In dieser gerade gegründeten Gemeinde gab es Menschen, die verunsichert waren. So einfach kann es doch nicht sein, dass überhaupt keine äußeren Zeichen Gewissheit geben über die Zugehörigkeit zur göttlichen Gemeinde. Konkret ging es um die Frage, ob nicht doch die Beschneidung als sichtbares Zeichen der Heilsgewissheit beibehalten werden soll. Darauf antwortet Paulus. Ich möchte nur den einen wichtigen Vers für meine Predigt nennen:

„Wo Menschen mit Jesus Christus verbunden sind, zählt nicht, ob jemand beschnitten ist oder nicht. Es zählt nur der vertrauende Glaube, der sich in tätiger Liebe auswirkt.“

Rot für diese Erkenntnis aus der Reformation: sola scriptura – allein die Schrift gibt uns genug Auskunft über die Möglichkeit, Gottes Freundlichkeit zu entdecken.

Ja, es gibt in unserer Welt der Orientierungslosigkeit eine große Sehnsucht nach Halt, nach Riten, festen Regeln, einfachen Denkmustern. Und doch dürfen wir uns hier nicht in Versuchung führen lassen, und sollen uns unsere Offenheit bewahren. Dazu schreibe ich einige Gedanken von Wilhelm Willms, aus seinem Gedicht
„Der heilige Geist ist ein bunter Vogel“:

„Der heilige geist ist ein bunter vogel er ist nicht schwarz er ist nicht blau er ist nicht rot er ist nicht gelb er ist nicht weiß er ist da wo einer den anderen trägt der heilige geist lässt sich nicht einsperren nicht in katholische kafige nicht in evangelische käfige der heilige geist ist auch kein papagei der nachplappert, was ihm vorgekaut wird der heilige geist ist spontan und sehr bunt er liebt das unberechenbare er ist selbst unberechenbar“.

Daran anschließen möchte ich einige Worte von Frau Jäger, der Künstlerin, die unsere neuen Antependien gestaltet hat. Sie geht davon aus, dass die Antependien ihren Sinn haben für die Bewahrung der Tradition, für die Wiederkehr des Gleichen im Kirchenjahr, aber auch sie „bergen die Gefahr der Erstarrung in sich.“
Darum sei es aus Sicht der zeitgenössischen Kirchenkunst und aus ästhetischen Gründen notwendig, dem entgegenzuwirken, neue Sehgewohnheiten zu vermitteln, und auf die Lebendigkeit der biblische Botschaft hinzuweisen.

Evangelisches Rot weist hin auf die Lebendigkeit des Geistes, weist hin auf Pfingsten genauso wie auf den Reformationstag, und damit auf die Reformation als Lebensweise der Kirche.

Rot für den heiligen Geist: sola pneuma.

Norbert Harms

Vier Farben: violett

Predigt von Pastorin Jennifer Kauther am 28.10.2012

Liebe Gemeinde,
ich habe mich in den letzten Wochen auf Spurensuche begeben. Violett. Oder Lila, wie die meisten umgangssprachlich sagen.
Von der Schokoladenverpackung über Bilder von katholischen Würdeträgern mit violetten Stolen, zur Clematisblüte auf meinem Balkon, habe ich vieles gefunden: das wilde Veilchen am Torfkanal, Bildbände über der Provence mit wogenden Lavendelfeldern, ein lila Schirm, mit dem mir beim letzten Regenschauer jemand entgegen kam, überraschend viele Begegnungen mit Menschen, die violett trugen und vieles mehr.

Schließlich habe ich in meinem Bücherregal dieses Buch wieder entdeckt: „Die Farbe Lila“ von Alice Walker. Damals (in den 80er Jahren) ein Bestseller – von Stephen Spielberg verfilmt, mit Whoopie Goldberg in einer der Hauptrollen.
Und ich bin neugierig geworden. Es ist bestimmt 15, 20 Jahre her, dass ich es gelesen habe. Vom Inhalt wusste ich nicht viel mehr, als es der Klappentext verrät: Dass es irgendwie um eine schwarze Frau ging, die missbraucht und in eine schlimme Ehe gedrängt, mit niemanden sprechen kann als mit Gott. Bis sie Shug Avery kennen lernt, eine selbstbewusste gewitzte Sängerin. Diese Frauenfreundschaft verändert Celie – mit Staunen entdeckt sie die in ihr schlummernden Kräfte, befreit sich langsam aus ihrem Gefängnis von Gewalt und Unterdrückung.

Aber was hat das ganze mit der Farbe Lila zu tun?
Beim Durchblättern fand ich genau die Stelle, die dem Buch seinen Namen gegeben hat. Und ich möchte Ihnen gerne daraus diese eine Seite vorlesen. Denn sie führt uns – wie ich finde – mitten hinein in das, was Violett auch im Kirchenjahr bedeutet, (und was Frau Jaeger mit diesen Antependien so wunderschön gestaltet hat.) Es ist ein Ausschnitt aus einem Gespräch zwischen der Ich-Erzählerin Celie und der Sängerin Shug – ausgerechnet über Gott.

„Und das isses, sagt Shug. Das, was ich glaub. Gott is in dir drin und in jedem andern auch. Du kommst schon auf die Welt mit Gott. Aber nur wer innen sucht, findet Es. Und manchmal wird Es offenbar, auch wenn du Es nicht suchst, oder nicht weiß, wonach du suchst. Bei den meisten Leuten, wenn sie Kummer haben, denk ich. Sorgen, ach Gott. Sich hundeelend fühlen. Es? frag ich. Jaja, Es. Gott ist nicht ein Er oder eine Sie, sondern ein Es. Aber wie sieht Es aus, frag ich. Sieht nicht wie irgendwas aus, sagt sie. Is doch kein Kino. Es is nix, was du von was anderm getrennt ankucken kannst, einschließlich dir selbst. Ich glaube, Gott is alles, sagt Shug. Alles, was is oder gewesen is oder sein wird. Und wenn du das spürst und froh bist, dass dus spürst, dann hast dus gefunden.
Shug (…) runzelt bisschen die Stirn, kuckt raus über den Hof, lehnt sich in ihrem Stuhl zurück, sieht aus wie eine große Rose.
Sie sagt: Mein erster Schritt von dem alten weißen Mann weg waren die Bäume. Dann die Luft. Dann die Vögel. Dann andre Leute. Aber an einem Tag, wie ich ganz still dagesessen bin und mich gefühlt hab wie ein Kind ohne Mutter, und das war ich ja, da kam es mir: so ein Gefühl, dass ich ein Teil von allem bin, nich abgetrennt. Und ich hab gelacht und geweint und bin im ganzen Haus rumgerannt. Ich hab genau gewusst, was Es war. Ja, wirklich, wenns passiert, da kannst dus nich verpassen. Es is so ne Art wie du weißt schon was, sagst sie und grinst (und reibt oben an meinem Schenkel).
Shug! sag ich.
Ach, sagt sie. Gott mag die ganzen Gefühle. Das is was vom Besten, was Gott gemacht hat. Und wenn du weißt, dass Gott sie mag, dann hast du einen Haufen mehr Spaß dran. Dann kannst du einfach loslassen und laufen mit allem, was läuft, und Gott damit preisen, dass du magst, was du magst. Findet Gott das nich schmutzig? frag ich. Nä, sagt sie, Gott hats doch gemacht. Hör mal, Gott hat alles gern, was du gern hast – und noch eine Menge Zeug, was du nich nich gern hast. Aber mehr wie alles andre mag Gott, wenn man was bewundert. Soll das heißen, dass Gott eitel is? frag ich. Nä, sagt sie. Nich eitel, nur will Es was Gutes auch teilen. Ich glaub, es stinkt Gott, wenn du irgendwo in einem Feld an der Farbe Lila vorbeigehst und sie nich siehst.“

Fast zufällig kommt sie daher, die Farbe Lila. Fast, als hätte Shug auch rot oder gelb sagen können, an dem man im Feld nicht achtlos vorbeigehen soll. Aber (so weit reicht mein Wissen vom Deutsch-Leistungskurs noch) der Roman hätte nicht diesen Titel, hätte die Farbe Lila nicht eine tiefere Bedeutung.

Anfang der 80er Jahre war violett nicht einfach eine modische Farbe, sondern – manche unter uns erinnern sich bestimmt noch – die Farbe der Frauenbewegung (schlechthin). [Viele feministische Projekte wählten Lila als Teil ihres Namens, „Lila Latzhosen“ ist bis heute ein geprägter Begriff – mit negativen wie positiven Assoziationen.]

Aus Blau und Rot, also männlicher und weiblicher Symbolik zusammensetzt, steht Violett für den Wunsch bzw. die Sehnsucht nach ganzheitlichem Menschsein, in dem wir uns nicht auf unsere jeweilige Geschlechtsrolle festgelegen und allein darüber definieren lassen (so habe ich in der Vorbereitung auf diese Predigt bei der Psychologin Ingrid Riedel erfahren). Es gab Zeiten – und manchmal scheint es so, als gibt es sie noch oder wieder -, da galt es als unschicklich, wenn eine Frau ihr Auto selbst reparierte oder ein Mann Kuchen buk.

Violett ist hier also die Farbe des Wandels, der Befreiung aus alten Rollen, denn in ihr ist männlich und weiblich (blau und rot) vereint. Jede Frau – das ist inzwischen Allgemeinwissen/ (damit sage ich Ihnen nichts Neues) – hat männliche Seiten, jeder Mann weibliche Anteile. Wir schneiden uns von unserer Lebendigkeit ab, wenn wir die abspalten und nicht integrieren. Ein Thema, das längst auch von Männern entdeckt wurde!

Wenn Celie im Roman sich also in einem Feld an der Farbe lila erfreut, entdeckt sie (symbolisch) neue, bislang nicht gewagte Handlungsmöglichkeiten, die sie ausbrechen lassen aus einer demütigenden und gewalttätigen Ehe und der Rolle/dem Verständnis von Frauen als Opfer (hin zur Selbstbestimmung).

„Die Farbe Lila“ steht also für Befreiung. Und zwar – so verstehe ich es – nicht nur in Bezug auf die Geschlechter-/Genderfrage, es geht um viel mehr: um jedwede Befreiung aus Gewaltstrukturen und Unterdrückung.
Und hier komme ich auf die christliche Symbolik der Farbe Violett. Im Kirchenjahr ist sie die Farbe der Buß- und Passionszeit. Der Leidenszeit. (Sie steht für den Weg zum Kreuz. Für Trauer.)
Der Künstler Franz Marc schrieb 1912 an seinen Freund und Kollegen August Macke: „Mischst du z.B. das ernste, geistige Blau mit Rot, dann steigerst Du das Blau bis zur unerträglichen Trauer.“ Als so ein tief-trauriges Violett erlebe ich hier die Grundfarbe des Paramentes an der Kanzel. (Wenn ich es länger betrachte, spüre ich fast einen Sog, der in die Trauer hinein zieht.)

In ihm wie am Altar findet sich der Aspekt des Leidens auch in den ganz zart hinein gewebten Kreuzen wieder. Fast sind sie nur angedeutet.
Ich habe vorher nicht erfragt, was die Künstlerin sich dabei gedacht hat – und ich fände es spannend, liebe Frau Jaeger, wenn Sie dazu nachher im Gespräch Auskunft geben würden – ich interpretiere das so:
Die Passionszeit mit ihrer Betrachtung der Leidensgeschichte Jesu und des Leidens in der Welt wird oft missverstanden oder auch missbraucht für die Faszination am Leid, am Tod, ja für eine Art Verliebtheit der Kirche ins Leid.
Dabei geht es (im Evangelium doch) genau um das Gegenteil: um die Verwandlung von Leid, um Aufrichtung und Heilung, um Auferstehung aus dem Tod! Jesus hat nicht um des Leidens willen gelitten, sondern sich dem Leben hingegeben, um Leiden ein Ende zu bereiten.

Und diese Dynamik entdecke ich auch in dem Kanzelwandbild: Die Waagerechte des Kreuzes ist nicht grade, bildet keinen rechten Winkel, sondern ist einer Schale gleich, oder wie Arme, die sich zum Himmel hin ausstrecken – sich sehnen nach Gott, sich neu dem Leben öffnen, ja sich aufrichten und aufbrechen wie Vogelflügel. Da ist die Auferstehung schon zu ahnen. Gleichzeitig ist es auch wie ein umgedrehter Regenbogen – das Zeichen des Bundes, des Jas: nur diesmal als Antwort an Gott, als Bereitschaft, ihn zu empfangen. Ein Bogen aus lauter Violett-Variationen, in der Mitte das Rot für Blutes, für Hingabe, für Leben.

Und so spiegelt das Violett der Passionszeit für mich die Sehnsucht nach, ja den Beginn von Heilung, von Befreiung und Aufrichtung aus Leid und Unterdrückung. Es ist die Farbe der Wandlung, der Umkehr, die das Leid weder ausblendet noch sich damit abfindet, es weder um jeden Preis meidet noch es verherrlicht. Sondern auf Gottes Kraft, auf sein Kommen und Durchdringen unserer Welt vertraut.

Violett – das ist ja die Mischung von rot und blau. Rot – Farbe des Blutes, des Feuers, der Leidenschaft, der Liebe, der Kraft, der Erde/Materie. Rot erhitzt Körper und Gemüt allein beim Betrachten. Und Blau – Farbe des Geistes, der Gelassenheit, der Ruhe, des Denkens, des Himmels. Blau kühlt und beruhigt. Wenn diese beiden entgegen gesetzten Pole zusammenkommen, dann ist das spannungsreich – der Geist ringt mit dem Fleisch, um es zu durchdringen – so z.B. das alte Verständnis der Fastenzeit -, oder in der Alltagserfahrung: der Bauch streitet mit dem Kopf. (Diese Spannung, ja fast Spaltung könnte hier in dem Antependium am Lesepult angedeutet sein.)
Zugleich kann die Mischung von rot und blau aber auch eine Verbindung dieser Gegensätze bedeuten, Harmonie schaffen: Im Violett berühren sich Himmel und Erde, kommen Gott und Mensch zusammen, werden eins. So, wie Shug das in der „Farbe Lila“ sehr klar auf den Punkt gebracht hat: „Gott is nix, was du von was anderm getrennt ankucken kannst, einschließlich dir selbst.“

Niemand steht so für dieses Einswerden von Gott und Mensch wie Jesus Christus. Er gilt als Mittler zwischen Himmel und Erde schlechthin. Und so ist violett auch die Farbe der Adventszeit. dieser Zeit, in der wir als Christinnen und Christen uns auf seine Ankunft vorbereiten, auf das Kommen Gottes in diese Welt – in Gestalt eines kleinen Kindes in Windeln – in einem Menschen aus Fleisch und Blut. In Jesus wurde (für uns) spürbar, dass Gott nicht (nur) in den fernen hohen Himmeln thront, sondern sich ganz und gar einlässt auf uns Menschen, auf unsere Tränen, unser Lachen, ja unser ganzes Leben.

Als Symbol für Jesus Christus hat Frau Jaeger auf dem Altar-Antependium eine Mandorla gewebt. Eine Mandorla – italienisch für Mandel – ist wie ein Heiligenschein – nur um die ganze Person herum. Seit 1500 Jahren kommt sie in der Kunst vor, meist mit einer Abbildung von Christus in der Mitte.

In dieser Mandorla, die zugleich auch eine sehr weibliche Form ist, ist die Mitte nicht (aus)gestaltet – bis auf ein feines Kreuz. Es weist auf Jesu Leidensweg hin. Zugleich empfinde ich die Offenheit dieser abstakte Gestaltung wie eine Einladung, uns in dieses Kreuz selbst einzutragen, mit dem, woran wir ganz persönlich leiden, mit unseren Geschichten von Angst, Schuld und Verletzung, mit unserer Sehnsucht nach Heilung und Befreiung. Mit unserem Kreuz, unserem Schicksal, unserer ganz eigenen Bestimmung. Denn auch in jeder und jedem von uns kommt das von Gott auf die Welt.

Und so laden all die Zeiten im Kirchenjahr, die mit diesen violetten Behängen ausgestattet sind – die Passionszeit, die Adventszeit und der Buß- und Bettag, uns ein, uns wieder zu öffnen für die spirituelle Dimension in unserem Leben, für Gott. (Für Gott nicht als alten weißen Mann, sondern dem Gott, der alles is, was is oder gewesen is oder sein wird.)

Darum sind es auch (allesamt) Fastenzeiten. Denn im Fasten verzichten wir auf Unnötiges, lassen den ganzen Ballast weg, der unseren Alltag oft so vollstopft – beschränken uns. Und schaffen so bewusst Raum in uns für Gott. Öffnen unsere Sinne für seine Spuren in unserem Leben. Damit wir in einem Feld nicht achtlos an der Farbe Lila vorbei gehen, sondern uns mit Gott an ihr freuen.
Amen.

Pastorin Jennifer Kauther

Vier Farben: Grün

Predigt von Pastor Hans-Jürgen Jung am 4.11.2012

Vier Farben: Grün Gottesdienst 4.11.2012

• Die Farbe Grün (allgemein)

Liebe Gemeinde!
Vier Farben prägen unsere Gottesdienste, vier Farben sind liturgisch bestimmend. Heute Morgen soll die Farbe „Grün“ im Mittelpunkt stehen.
Zu Beginn – es geht jetzt um die Farbe Grün im Allgemeinen – möchte ich von Ihnen allen wissen: Wer von ihnen hier stimmt zu und meldet sich jetzt bei der Aussage: „Grün ist meine Lieblingsfarbe“
(Ergebnis?)
12 % der Deutschen geben an, dass Grün ihre Lieblingsfarbe sei. Ich muss gestehen, ich gehöre nicht dazu.
Grün gehört für mich aber auch nicht wie für manch andere zu den unbeliebtesten Farben. Meine eigene Lieblingsfarbe ist blau, also eine andere Grundfarbe der Additiven Farbmischung. Additive Farbmischung heißt, dass aus den drei Grundfarben rot, grün und blau – die auch die Zapfen in unserem Auge sehen, dass aus den RGB Farben alle anderen Farben gemischt werden können.
Bei der subtraktiven Farbmischung – etwa bei Ihnen zu Hause oder im Büro beim ausdrucken eines Farbfotos mit einem Tintenstrahldrucker – wird Grün durch die Mischung der beiden Farben Cyan und Magenta hergestellt.
Doch das ist ein technisches Grün und abgeleitet. Denn Grün ist ursprünglich natürlich, eben zuerst eine Farbe aus der Natur. Und die meisten von uns werden wohl bei grünen Gegenständen zuerst an Pflanzen denken.
Dabei ist das Wort „Gegenstände“ natürlich nicht richtig, denn Pflanzen sind keine leblosen Dinge, sondern Lebewesen. Und darum steht „grün“ im allgemeinen für das Wachstum, das Leben, das Reifen besonders von Pflanzen.
Da viele Pflanzen Chlorophyll enthalten, ist Grün in der Natur eine häufige Farbe. „Grün“ begegnet uns besonders frisch im Frühling und kündigt den Beginn neuen Wachstums an. Am Ende der Vegetationszeit verringert sich das Chlorophyll, gelbe und rote Farbstoffe kommen in den Blättern wie jetzt im Herbst zum Vorschein.
Grün ist darum die Farbe des Lebens, der Frische und der Natürlichkeit wie auch der Hoffnung, der Zuversicht und der Fruchtbarkeit. Irland wirbt als eine beruhigende grüne Insel.
Viele Menschen erhoffen sich gerade im Frühling positive Veränderungen in ihrem Leben. Im Mittelalter stand Grün als Symbol für die beginnende Liebe. Daher kennen wir die grüne Hochzeit am Anfang eines gemeinsamen Weges, der hoffentlich in den weiteren Jahren die Ehejubiläen der hölzernen, silbernen oder goldenen Hochzeit folgen.
Zu dieser Symbolik von Grün gehört auch die redensartliche grüne Seite, also die linke, die Herzseite mit der wohl die ‘frische, lebendige Seite’ gemeint ist, die der Sitz der grünenden Lebenskraft ist, eben die ‘günstigste, liebenswürdigste Seite’ eines Menschen.
Es gibt aber auch die Verneinung – die Redensart jemandem nicht grün sein ist uns geläufig oder „eine grüne Gesichtsfarbe“ symbolisiert eine Krankheit genauso wie jemand grün vor Neid sein kann.
Und so ist klar, dass unsere alltäglichen Zeichen und Symbole eben auch andere Bedeutungen für grün beinhalten.
Eine rote Ampel bedeutet „Stop“, während „Grün“ als Signalfarbe sagt: erlaubt, frei, Start, Ok, eben alles im grünen Bereich etwa der Aufnahmepegel eines Recorders.
Die symbolische Bedeutung von Grün als Zeichen des Aufbruchs und der Hoffnung machte sich in den 80iger Jahre auch die gleichnamige Partei „Die Grünen“ zu Nutzen – wobei damals dieser Partei zuweilen auch – aufgrund der Farbe vieler unreifer Früchte – Unerfahrenheit oder Unreife vorgeworfen wurde, sie galten eben „frisches Gemüse“. Auch diese Bedeutung von wenig Lebenserfahrung wird mit der Farbe Grün verbunden, etwa in unseren Redensarten „grün hinter den Ohren sein“ oder durch die Bezeichnung Grünschnabel.
Beides gilt natürlich heute für die beiden nachher einzuführenden Kirchenvorstandsmitglieder Sie, Frau Eckard und Herr Gabriel, nicht, denn unsere Gemeindeordnung geht davon aus, dass durch die Arbeit im Konvent Sie Beide auch für die Arbeit im Kirchenvorstand geeignet sind.
Aber auch für Gruppen und Gemeindegremien gilt, dass sie hoffentlich grüne Spuren enthalten und auch wenn die Haarfarbe so mancher von uns zu silber hin changiert, ist wichtig, dass auch gerade durch zwei neugewählte Mitglieder frischer Wind weht und die Gesamtfarbe des Kirchenvorstandes frisch bleibt eben nicht zu rot, braun oder gelb wird.
Aber das wird nicht eintreten, denn „Grün ist die Hoffnung“ und die stirbt im Volksmund bekanntlich zuletzt.

• Das grüne Parament (Beschreibung)

Mit diesen allgemeinen uns bewussten oder unbewussten Bedeutungen der Farbe „Grün“ möchte ich jetzt mit Ihnen die grünen Antependien oder Paramente anschauen also die Textilien hier in der Kirche, die die Gemeinde nach Erhalt einer Erbschaft einer Textil- und Handarbeitslehrerin neu erworben hat.
Bei allen dreien Antependien – hier an der Kanzel, am Lesepult und am Altar –ist die Farbe „grün“ bestimmend. Durch die große Fläche liegt in der Farbe fast die Hauptaussage – und wie mir die Künstlerin Ursula Jaeger am Telefon bestätigte – ist das auch so gewollt.
Doch Kunst will nicht Realität 1:1 darstellen – auch Fotografie tut das übrigens nicht – , sondern Kunst will in der Betrachterin und im Betrachter selbst Gedanken wecken und ist immer auch vom Standpunkt des Betrachtenden abhängig.
Jede und jeder von uns ist sein oder ihr eigener Interpret, so dass ich selbst mit meinem eigenen Standpunkt Teil des Kunstwerkes werde.
Verstehen Sie also jetzt meine Annäherung an die grünen „Vorhänge“ als „meine“ Annäherung – Sie, liebe Gemeinde, sehen vielleicht andere Dinge. Aber auch Ihre Interpretation dessen, was Sie sehen, Ihr Standpunkt, Ihre Perspektive – die vielleicht von meiner abweicht – gehört zu unseren grünen Kunstwerken dazu. Kunst ist in diesem Verständnis nicht nur ein Gegenstand, sondern ein wechselseitiger Prozess zwischen Kunstgegenstand, Betrachterin und Betrachter und Funktion, also in unserem Gottesdienst.
Auf allen drei Antependien – Vorhängen – sehe ich als wiederkehrende Elemente bogenförmige Figuren in den Farben des Regenbogens – von der Künstlerin ein gewollter Bezug und Rückgriff auf die Farben unserer fünf Glasfenster hier in an der Altarwand.
Der Regenbogen gehört zwar auch zum Logo von Greenpeace, aber er ist im kirchlichen Zusammenhang also in der Bibel in der Sintflutgeschichte ein Hoffnungszeichen: Die Arche Noah ist gelandet und Gott hängt seinen Kriegsbogen jetzt als ein Friedenszeichen in die Wolken. Der Regenbogen wird so nach der Flut zu einem Zeichen dafür, dass Gott selbst dafür garantiert, dass auf unserer Erde Wachstum, Saat und Ernte nicht aufhören werden.
Auf allen drei Antependien sind diese Regenbogenformen zu finden. Besonders auf dem Altarparament nimmt der obere Dreiviertelkreis die Farben und die runde Form der Fenster auf.
Weiterhin lassen mich dort die unteren Bögen zusammen mit einer vertikal von der Mitte nach Unten laufende Linie an eine Pflanze denken. Andere hier unter uns – auch hier gilt die interpretatorische Freiheit des jeweiligen Betrachtenden – mögen in Anlehnung an die Rundfenster darin einen abstrakt gewebten Menschen sehen – vielleicht Jesus Christus oder wie oben im kleinen Rundfenster rechts außen einen menschlichen Engel.
Die drei tropfenförmige hellgrünen Gebilde, dort rechts unten auf dem Altarparament, die sich ebenfalls auf den anderen beiden Paramenten finden, könnten so etwas wie Wassertropfen oder Pflanzensamen darstellen. Aufgrund der Farbgebung und meiner Pflanzenassoziation würde ich eher zu Pflanzensamen tendieren, die Ursula Jaeger hier in einem helleren grün eingewebt hat.
Es sind drei Samenkörner – die Künstlerin sagte mir, sie liebe Zahlensymbolik – vermutlich ist die Dreizahl dieser Samen oder Tropfen eine Anspielung auf die Dreieinigkeit Gottes Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dabei steht im Neuen Testament gerade der Hl. Geist für Wachstum und Entwicklung von einzelnen Menschen und auch einer Gemeinde.

• Die Farbe Grün (liturgisch) – Das Allgemeine und das Besondere

Gerade eben bei unserer Annäherung haben Sie vielleicht schon gemerkt, dass eine Betrachtung eines Kunstwerks nie ohne meine und ihre je eigene Deutung und Interpretation erfolgt.
Und nun haben diese drei grünen Antependien noch eine gottesdienstliche Funktion – nicht nur weil im Christentum „Grün“ die Farbe der Auferstehung ist, Jesus Christus an einem Sonntag auferstanden ist und in jedem unserer Sonntaggottesdienste diese liturgisch vergegenwärtigt wird.
Auf den Internetseiten der Liturgischen Konferenz – also eines kirchlichen Gremiums, das sich mit der Theorie des Gottesdienstes beschäftigt, heißt es zu unserer Farbe „Grün“:
„Grün ist die liturgische Alltagsfarbe, die meistens getragen wird, und zwar an allen normalen Sonntagen und Werktagen im Kirchenjahr.“
Die Funktion der weißen Antependien, davon können Sie nächsten Sonntag hier mehr hören, ihre Funktion ist es auf die Christusfeste (Weihnachten und Ostern) hinzuweisen.
Violett wird in den Buß- und Fastenzeiten vor Weihnachten und Ostern – also im Advent und in der Passionszeit aufgelegt und die roten Antependien sind im evangelischen Bereich den Kirchenfesten vorbehalten, also Pfingsten und Reformationstag.
Im katholischen Bereich wird rot (als Symbol des Blutes) auch an Festtagen der Heiligen und Märtyrer aufgelegt, aber da wir evangelischen nur sehr wenige Märtyrer aufbieten können, sind die roten Antependien bei unseren Gottesdiensten eher selten zu sehen.
Grün ist dagegen mit den Sonntagen nach Epiphanias, der Vorfastenzeit und den meist über 20 Sonntagen nach dem Trinitatisfest bis zum Ende des Kirchenjahres fast Dauerzustand, eben die Farbe des Alltags mitten im Sonntagmorgengottesdienst.
Und so löst sich auch das Rätsel, wieso gerade ich, Pastor Hans-Jürgen Jung, von uns vier Pastorenkollegen zu der Farbe „Grün“ als Thema der Predigtreihe gekommen bin.
Wir haben also nicht violett der einzigen Frau unter uns zugeteilt.
Und auch weiß und rot wurden nicht entsprechend der Haarfarben der beiden Kollegen zugeordnet.
Auch bei mir dachte niemand an grün als „Grünschnabel“, was nach 18 Jahren in dieser Gemeinde natürlich auch nicht mehr stimmt, oder wie vielleicht andere hier vermuten mögen entsprechend meiner politischen Einstellung, die ich aber heute Morgen hier gewiss nicht zum Thema machen werde.
Nein, so war es nicht als wir die Gottesdienste zu den vier Farben unter uns aufteilten.
Die Kollegin und Kollegen waren in ihrer Entscheidung einfach schneller als ich. Ich fühlte mich bei meiner eigenen Entscheidungsfindung eher zu „weiß“ hingezogen, vielleicht weil ich dachte über weiße Paramente – über Christusfeste ist einfacher zu predigen.
Auch „rot“ mit dem Thema Kirche wäre für mich in Ordnung gewesen.
Als ich noch über grün nachdachte und mit dieser liturgischen Alltagsfarbe sofort das Thema Gottesdienst und „Alltag“ assoziierte – war die Bedenkzeit quasi um und hatten die Kollegen und die Kollegin schon eingeloggt.
Und da ich keinen Joker hatte und mich das Thema dann doch interessierte, deshalb hören Sie heute Morgen meine Predigtgedanken über die Funktion der liturgischen Farbe „Grün“ und im letzten Abschnitt warum wir auf Bilder und Kunst angewiesen sind und bleiben.

• Verhältnis von Gottesdienst und Alltag (Röm 12)

Da „grün“ in unseren Gottesdiensten quasi für „Alltag“ steht, möchte ich deshalb noch kurz mit Ihnen über das Verhältnis von Gottesdienst und Alltag nachdenken und das mit Hilfe der Funktion von Bildern versuchen zu klären.
Dabei habe ich auf der bereits erwähnten Webseite der liturgischen Konferenz folgende drei Sätze gefunden:
„Grün symbolisiert Leben, Wachsen, Reifen und ist die Farbe der Hoffnung. …
Dies ist ein schönes Symbol dafür, dass der Alltag und das Leben des Christen von Hoffnung durchdrungen sein sollte.
Christen sind Menschen der Hoffnung.“
Das klingt ja alles ganz positiv – dachte ich beim Lesen dieser Sätze. Der Gottesdienst als Veranstaltung am Sonntagmorgen bewirkt Hoffnung. Es ist die Hoffnung auf Wachstum oder manchmal wie heute bei einer Einführung auch Hoffnung auf einen frischen Wind.
So ganz anders klingen damit diese Worte als die Worte des Apostels Paulus aus Römer 12, die wir vorhin in der Lesung gehört haben:
„Ich ermahne euch nun, liebe Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich.“
Beide – die liturgische Konferenz in ihrer Deutung unserer heutigen Farbe „grün“ und der Apostel Paulus schreiben vom Alltag und vom Gottesdienst. Der Alltag soll von Hoffnung geprägt sein, da würde wohl auch Paulus zustimmen.
Aber Paulus fordert einen „vernünftigen Gottesdienst“ dessen Kennzeichen sein soll, dass Christinnen und Christen sich opfern, indem sie sich nicht der Welt gleich stellen.
Bedeutet das, möchte ich für uns jetzt den Apostel Paulus anfragen, bedeutet das, lieber Apostel Paulus, dass Gottesdienst und Alltag zwei getrennte Bereich sind, die nichts oder nur sehr wenig miteinander zu tun haben?
Hier der heilige Gottesdienst nur mit dem Wort Gottes und dort der profane Alltag – vielleicht in einer sehr heillosen Welt.
Tatsächlich gab es in der Geschichte unseres Glaubens solche Missverständnisse, denken Sie nur – gerade nach dieser Woche, in der manche am Dienstag statt Halloween doch noch Reformationstag gefeiert haben – denken Sie nur an die Bilderstürmer in der Reformationszeit.
Begründet wurde damals dieser Bildersturm, das gewaltsame Entfernen von Kunst aus Kirchen und Klöstern auch damit, dass die Bilder, die oftmals biblische Geschichte für das nicht lesende Volk in deren Alltagssprache übersetzten – vom wahren Wort Gottes ablenkten.
Die positive Funktion der Bilder, diese Wirkung wurden von reformatorischen und reformierten Fundamentalisten einem abstrakten Wortverständnis geopfert: Bilder können nämlich Gleichnisse dafür sein, was christlicher Glauben auch möchte und in Worte fasst, dass nämlich unser Glaube ins Leben – eben in den Alltag – gehört.
Jesus selbst hat Gleichnisse und sprachliche Bilder gebraucht. Er hat Gleichnisse erzählt und die Liebe Gottes zu den Menschen in Worten, in Bildgeschichten aus ihrer eigenen alltäglichen Welt den Menschen nahegebracht.
Damit verbietet sich aber gerade eine Abwertung des Alltags im Gottesdienst.
Gottesdienst und Alltag bleiben aufeinander angewiesen, so wie unser Glaube und Bilder aufeinander bezogen bleiben.
Und wenn Sonntags in unseren Gottesdiensten meistens die Farbe grün auf den Antependien zu sehen ist, dann erinnert das auch daran, dass christlicher Alltag und unser Gottesdienst aufeinander bezogen sind und bleiben müssen.
Unser Leben als einzelne Christin oder einzelner Christ, Sonntag Morgens verbunden als Gemeinde, unser Glaube ist in der alltäglichen Welt auf den Gottesdienst angewiesen – dem Gottesdienst im Alltag mit so manchen „grünen“ Bildern und Hoffnungszeichen aus dem Sonntagsgottesdienst wie Regenbogen und Samenkörner, Engeln und Menschen.
Beide Bereiche der Gottesdienst und der Alltag sind und bleiben füreinander offen, denn ein Bereich der sich selbst abschließt, sei es der Alltag oder sei es der Gottesdienst, der wird gottlos. Wenn wir an Weihnachten feiern, dass Gott Mensch wird, dann ist das eine Hochschätzung des Lebens – auch des alltäglichen Lebens, in das Gott gekommen ist.
Und wenn wir mit den vier Farben unserer neuen Antependien das Kirchenjahr feiern, dann feiern wir auch, dass am Sonntag und im Alltag, Gott bildlich als Vater, Sohn und Heiliger Geist zur Welt kommt.
Ja, wir feiern, dass er zu uns kommt und uns in unserem Alltag mit allem Schönen, aber auch mit aller Traurigkeit und allem Schmerz, den Menschen auch in dieser Woche wieder erfahren haben, nahe ist. Er ist bei uns Menschen hier in Findorff, besonders bei denen, die einen geliebten Menschen verloren haben und er ist auch bei den Sturmopfern in New York oder den Bürgerkriegsopfern in Syrien. Im Gottesdienst und im Alltag vertrauen wir darauf, dass Gott uns nahe ist, Trost und Frieden sein will und uns seine grüne Seite zeigt, damit in uns die Hoffnung wächst. Amen.

Pastor Hans-Jürgen Jung

Vier Farben – Weiß

Predigt von Pastor Klaus Kramer am 11.11.2012

Es ist ja ganz leicht, sich verschiedene weiße Dinge vorzustellen.

Vielleicht denken Sie an einen weißes Blatt Papier, offen für das, was darauf noch geschrieben oder gemalt wird.
Vielleicht denken Sie an eine weiße Schneedecke, die sich glitzernd über die Landschaft gelegt hat und uns im Sonnenlicht blendet.
Vielleicht löst das Wort „weiß“ bei Ihnen auch den Gedanken an ein sauberes Bettlaken aus, das frisch gewaschen im Wind flattert.
Oder es stapft ein kleines weißes Lämmchen durch ihre Gedanken,
oder eine helle Sommerwolke treibt hindurch,
oder sie schenken sich ein Glas Milch ein,
oder sie blicken auf eine anmutige Lilie …

Man kann die Weiß-Einfälle ordnen. Viele lassen sich in zwei Bereiche, in zwei Symbolwelten einordnen.
Einmal ist Weiß das Symbol der Sauberkeit, der Unversehrtheit, der Unschuld, wie beim Bettlaken und bei der Lilie. Dazu gehört die Gegensätzlichkeit von rein und unrein.
Zum anderen ist Weiß der Ausdruck von Helligkeit, von Licht. Weiß entsteht, wenn alle Spektralfarben, alle Farben des Regenbogens, zusammengefasst werden. Die glitzernde Schneedecke und die leichte Sommerwolke lassen uns daran denken. Diese Symbolwelt wird geprägt vom Gegensatz von hell und dunkel.

Das sind zwei ähnliche, aber doch unterschiedliche weiße Symbolwelten.
Und die spielen in unserer Religion, in der Bibel und in unseren Gottesdiensten eine bedeutungsvolle Rolle.
Weiß gekleidet werden Altar, Kanzel und Pult zu den sogenannten Christusfesten, und die gelten als die wichtigsten im Kirchenjahr.
Christusfeste: Das sind Weihnachten und die Zeit danach bis einschließlich zum Dreikönigstag, und Ostern und die Sonntage danach bis Pfingsten, wobei der Sonntag nach Ostern sogar „weißer Sonntag“ heißt, wahrscheinlich, weil es ein traditioneller Tauftermin ist und den Täuflinge weiße Kleider anzogen wurden und werden.

Wenn uns nun also Weiß zu den Christusfesten Weihnachten und Ostern gezeigt wird, dann ist Weiß offenbar die Christus-Farbe, und dann kann uns damit zweierlei gesagt sein:

Entweder: Christus ist der Reine, der Unschuldige, so unschuldig wie die Jungfrau Maria, von der er geboren wurde und deren Zeichen in der Kunst die weiße Lilie ist, so rein auch wie die Windeln, in die er gewickelt wurde; so rein auch in seinem ganzen Leben und Tun, dass sein Blut, das er unschuldig vergießt, noch unsere schmutzigen Sünden weißwaschen kann.

Oder es heißt:
Christus ist das Licht, das die Finsternis erhellt; von ihm her wird es so hell wie die Herrlichkeit des Herrn, die die Hirten in der Weihnachtsnacht umstrahlte, ein Licht, so weiß wie die Gewänder des Engels, der den Frauen am Grab begegnet und ihnen erklärt, dass Christus auferstanden ist von den Toten.

Was sagt Ihnen mehr zu?
Was mir mehr einleuchtet, werden sie schnell merken, wenn ich die beiden Symbolwelten noch einmal detaillierter darstelle.

Die Unterscheidung von rein und unrein ist sehr alt und findet sich in vielen Religionen und so auch vielfach in der Bibel. Es wird z. B. in den Mosebüchern, aber auch im neuen Testament im Epheserbrief (Eph 5, 3) sehr genau beschrieben, was rein ist, womit wir also in Kontakt treten können – und was unrein ist, und was wir deshalb meiden müssen.
Dieses Konzept geht davon aus, dass wir unserem Leben sauber bleiben sollen, dass wir eine weiße Weste behalten sollen. Schmutz, Dreck, Blut, jede Form von Verunreinigung wird als etwas sehr Negatives verstanden, als Sünde. Böse Taten, insbesondere vieles aus dem Bereich der Sexualität, aber auch das Menstruationsblut, oder schlechtes Denken – das alles macht unrein. Pfui!

Gott selber aber ist in dieser Vorstellung heilig, weiß – auch in einem rassischen Sinn übrigens – und sauber, und wer sich ihm nähern will, muss es auch sein. Täuflinge z. B. werden durch das Bad der Taufe kultisch rein, zum Zeichen dessen wird ihnen ein weißes Taufkleid angezogen. Und sie müssen darauf achten, dass es nicht wieder dreckig wird. Deshalb muss man sich von allem fernhalten, was einen beschmutzten könnte! Und das Bürgertum aller Zeiten wusste genau, was das ist: Selbstbestimmtes Leben – Pfui! Selbstbestimmte Sexualität – dreckig! Das falsche Essen – eklig! Und vor allem sollte man die anderen Menschen meiden, die unrein sind. “Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!”, warnte schon Franz-Josef Degenhardt. Denn der Dreck anderer Leute wirkt ansteckend. In schmutziger Gesellschaft sollte man sich nicht aufhalten, das gehört sich nicht.

Wie absurd dieser Reinheitslehre sein kann, das hat Max Frisch in seinem Theaterstück “Andorra” gezeigt. Mit Andorra ist nicht der Kleinstaat in den Pyrenäen gemeint, sondern eine beliebige menschliche Gesellschaft. Und da ist es so: Durch ihre Ignoranz, durch ihre Vorurteile, durch ihre Passivität werden die Leute in Andorra schuldig am Tod eines der ihren, den sie ausgegrenzt haben, den sie zum Abschuss freigegeben haben. Aber was tun sie? Sie weißeln ihre Häuser, das ist ein jährlicher Volksbrauch dort in Andorra. So gehen sie mit ihrer Schuld um: weiße Farbe drüber – und fertig. Sie haben ein paar Sprüche, mit denen sie ihr Versagen übertünchen:
„Was kann ich als Einzelner den schon machen?“, sagen sie, „Das Opfer war ja auch ein bisschen selber schuld!“, und: „Man muss auch vergessen können!“

Es ist wie bei uns nach dem Krieg. Da wurden zuhauf so genannte „Persilscheine“ ausgestellt, mit denen man nachweisen konnte, dass man in der Nazizeit keine Schuld auf sich geladen hat, lediglich „Mitläufer“ gewesen sei. Das Weißwaschen nach dem Krieg kommt mir vor wie eine Zwangshandlung. Und es fällt mir auf, dass der weiße Riese, Persil und all die anderen, die nicht nur sauber, sondern rein waschen, ihre große Zeit in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren hatten. Heute sind Waschmittel schonend zu Buntem. Sind wir deshalb sauberer?

Jesus jedenfalls, das lese ich in der Bibel, hat das ganze Konzept von rein und unrein vom Kopf auf die Füße gestellt. Er hat sich nicht vom Dreck abgegrenzt, er ist mitten hinein. Er hat sich zu den gesellt, die als unrein gelten, zu den Aussätzigen. Er hat sich von der blutflüssige Frau berühren lassen. Er hat mit den Schmuddelkindern gespielt, er hat dem Betrüger die Hand gereicht, er hat den Verräter umarmt und geküsst. Er wurde gekreuzigt an einem unreinen Ort, von der Hand unreiner römischer Soldaten.

Und weil Jesus ist so gelebt hat, weil er die Grenze zwischen rein und unrein aufgehoben hat, deshalb denke ich: Weiß waschen – das funktioniert nicht. Sauber zu bleiben, ist nicht unser Auftrag, vor allem dann nicht, wenn es bedeuten würde, uns von unseren Mitmenschen fernzuhalten. Das Leben ist bunt und manchmal dreckig, und wo wir mit anderen in Verbindung treten, wo wir Kontakt aufnehmen, Freundschaften schließen – da färbt etwas auf uns ab, und manchmal bleibt ein Fleck durch eigene oder fremde Schuld, und wir können und sollen es nicht sauber waschen.

Und damit zu der anderen Symbolwelt, die mit der Farbe Weiß verbunden ist.
Ich glaube, die Vorstellungswelt von Licht und Dunkelheit ist auch mehr das, was Frau Jaeger in ihrer Textilkunst dargestellt hat.
Wer genau hinschaut, wird bemerken, dass das Weiß, das sie verwendet, kein reines Weiß ist. Es ist ganz leicht abgetönt, wie Maler es machen, damit das Weiß an den Wänden nicht zu grell, nicht zu kalt, nicht zu empfindlich ist. Das Weiß, dass Frau Jaeger als Grundlage ihrer Weberei verwendet hat, ist ein natürliches Weiß: Sahneweiß, Lämmerweiß, Wolkenweiß.
Und dann fügt sie ja auch noch weitere Farben hinzu. Das sind erdige Farben, Ocker und Beige, mit denen die Darstellungen sozusagen geerdet werden. Die Bilder lassen sich ein auf die Wirklichkeit dieser Welt, auf das, was auf dieser Erde geschieht. Dazu gehört übrigens auch das feine, schwarze Kreuz, dass Frau Jaeger in das Altar-Antepentium hineingewebt hat. Die schwarzen Linien betonen die Konturen und verstärken die Kontraste, aber sie bilden auch immer wieder eigene Formen, und dazu gehört das Kreuz, mit dem auch in der Weihnachts- und Osterzeit daran erinnert wird, dass Jesus dem Elend dieser Welt begegnet ist, dass er das Leiden auf dieser Erde angenommen hat, dass er sich nicht gescheut hat, sich dreckig zu machen.

Und dann kommen zum natürlichen Weiß und erdigen Farben und den feinen schwarzen Linien noch die Farben hinzu, die die Antependien als Symbol für das Licht charakterisieren: das Licht, das Christus in unserem Glauben ist. Das Weiß geht über in ganz feines helles Sonnengelb, es treten noch andere Gelbtöne hinzu, Sonnenblumengelb und Safrangelb und sogar kräftigeres Orange, wie es in der Morgenröte zu sehen ist. Und es strahlt, ganz besonders deutlich am Kanzelantependium, wo wir einen regelrechten Sonnenwirbel sehen, der sich dreht und ausstrahlt und uns mitreißt in seinen freudigen Tanz.

Christus ist unser Licht, das zeigen mir diese Werke. Er erleuchtet uns, das können unsere Augen hier lesen.

Über das Christus-Licht ist so viel zu sagen, dass ich es heute Morgen nicht schaffe. Es leuchtet am Anfang der Schöpfung und es leuchtet noch im himmlischen Jerusalem. Ich gebe nur eine Handvoll Beispiele für das Leuchten – und sie, wenn sie die weißen Paramente sehen, erinnern sich an das ein oder andere.

1. Das Christus-Licht tröstet – wie ein Kerzenlicht am Grab jetzt im November oder im Tannengrün in der Weihnachtszeit oder als Handlicht in der Osternacht. Und die tröstende Wirkung entsteht gerade dadurch, dass es rings umher dunkel ist. Das Christuslicht ist nicht grell, es wird nicht einfach eine 500 Watt-Birne angeknipst, und alle Finsternis ist vertrieben. Was uns tröstet, ist das kleine, schwache Kerzenlicht inmitten der Dämmerung und Dunkelheit – es bietet unsere Seele etwas bergendes, heimeliges, wärmendes, wie die Formen hier am Altar-Parament. Wir sind angenommen, sagt uns dieses Christus-Licht, Christus umarmt uns, wir sind bei ihm zuhause, es ist gut.

2. Das Christus-Licht klärt uns auf – da wird es schon etwas heller. Die Klarheit des Herrn, von der in der Weihnachtsgeschichte die Rede ist, leuchtet unsere innere und äußere Welt so aus, dass wir sie erkennen. Nicht erbarmungslos wie die Scheinwerfer der Medienwelt. Es ist ein gnädiges Erkenntnis-Licht, das uns aufgeht, vor dem wir, wie die Hirten, keine Furcht haben müssen. Statt unsere wechselvolle Geschichte in vergeblichen Bemühen um Reinigung mit immer neuen Schichten weiß zu übertünchen, tut es uns gut, die Wahrheit – auch die unangenehme – über uns und andere zu entdecken im Lichte der Verheißung Jesu Christi.

3. Das Christus-Licht gibt uns Orientierung. Vielleicht wie der Leuchtturm in der Nacht, vielleicht wie ein Sonnenstrahl aus dunklen Wolken. Aber für mich ist die Christus-Orientierung vor allem wie ein klares Sonnenlicht, das über eine weite Landschaft fällt und mir all die verschiedenen Wege zeigt, die ich gehen kann, wo ich anderen begegne, wo ich verweile, wo ich aufbreche. Auch diese Wege und ihre Möglichkeiten können Sie übrigens hier in den Paramenten sehen. Die Möglichkeiten, die uns auf unserem Lebensweg gegeben sind, werden erhellt durch das, was Jesus gesagt hat, was er getan hat, wie er treu geblieben ist und wie Gott ihn aus dem Tod gerettet hat.

4. Und diese Möglichkeiten sehe ich nicht nur einmal, wie in einem Blitzlicht, sondern immer wieder neu. Das Christus-Licht geht mir auf wie die Sonne am Morgen, und bringt mir Kraft und Hoffnung. Die Gewissheit, die er mir gibt: Dass Gott es gut meint mit uns – die nimmt mich hinein in diesen Sonnenwirbel, die bringt mich in Bewegung und lässt mich tätig werden für mich und andere.

5. Und das Christus-Licht lässt mich die Farben sehen, die ganze bunte Schöpfung, die Gott geschaffen hat. Das Licht, das wir weiß nennen, besteht ja aus Lichtstrahlen von unterschiedlicher Wellenlänge, vom Rot über das Gelb und Grün zum Blau und Violett. Alles, alles, alles ist enthalten in diesem Weiß, auch deshalb ist es die richtige Christus-Farbe.
Frau Jaeger hat den Regenbogen schon in die grünen Paramente hineingewebt – aber ebenso gut könnte er hier aufstrahlen und uns zeigen, wie Christus für uns da ist:
als Licht der Welt,
als Treue Gottes,
als Hoffnung und Orientierung
an Weihnachten,
von Ostern her,
an jedem neuen Tag.
Amen.
Pastor Klaus Kramer