Predigt über die Anrede des Vaterunsers Martin-Luther-Kirche Bremen Findorff, 6.6.2010

I

„Vater unser im Himmel.
Was ist das?
Gott will damit uns locken, daß wir glauben sollen,
er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder,
auf daß wir getrost und mit aller Zuversicht
ihn bitten sollen
wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.“
Diese Worte, liebe Gemeinde, die Erklärung der Anrede des Vaterunsers in Martin Luthers Kleinen Katechismus mussten Generationen von Konfirmanden auswendig lernen. Für Martin Luther gab es kein besseres Gebet als das Vaterunser. Es stammt in einer Urform von Jesus, der Jude war und deshalb finden sich im Vaterunser auch Anklänge an jüdische Gebete.
Das Vaterunser steht im Neuen Testament an zwei Stellen in Matthäus 6 und Lukas 11. Nur bei Matthäus findet sich in einer längeren Fassung der Lobpreis „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“ am Ende. Es wird seit den Anfängen der Kirche im Gottesdienst und beim Abendmahl gebetet.
Manchmal werden die Worte auch gesungen, so wie wir es gerade in der 9. Strophe des Liedes „Es ist das Heil uns kommen her“ getan haben und nachher noch einmal tun werden. In der Musikgeschichte wurde das Vaterunser oftmals vertont – von so unterschiedlichen Komponisten wie heute beispielsweise von Peter Tschaikowsky und Franz Schubert und am nächsten Sonntag Christian Heinrich Rinck und Igor Stravinsky. Es gibt Vertonungen in der Volksmusik etwa Hanne Haller und Gotthilf Fischer und auch in der Popmusik haben Cliff Richard, E Nomine, Die Söhne Mannheims und Die Toten Hosen dieses Gebet als Grundlage ihrer Stücke genommen.
Formal besteht das ganze Vaterunser nach der Anrede, um die es heute geht aus sieben Sätzen, nämlich sechs Bitten und dem Lobpreis am Ende.
Die ersten drei Bitten beziehen sich auf Gott: die sogenannten „Du-Bitten“: „geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe“. Die nächsten drei „Wir-Bitten“ beziehen sich auf unsere menschlichen Grundbedürfnisse „unser tägliches Brot gib uns heute“, vergib uns unsere Schuld“, „führe uns nicht in Versuchung“.
Gerade weil durch diese Struktur des Vaterunsers wie in jedem Gebet Gott und Mensch zusammengebracht werden, ist es bei vielen Menschen emotional hoch besetzt. Es hat seinen festen Ort in der persönlichen Frömmigkeit und ist, wie meine Kollegin Jennifer Kauther es im Juni-Gemeindebrief „mittendrin“ schön beschrieben hat, vielen von Kindheit an vertraut. Wir haben es oft von der Mutter oder der Oma gelernt, im Kindergottesdienst zusammen mit anderen gebetet oder im Konfirmandenunterricht durchgenommen. Manche lieben dieses Gebet, von anderen wird es eher mit Ehrfurcht gesprochen. Es ist ein Teil unserer privaten Glaubenspraxis. Und es wird in Gottesdiensten, bei Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten oder Trauerfeiern öffentlich gesprochen.
Doch vielleicht ist es gerade aufgrund dieser Vertrautheit gut, das Vaterunser neu in den Blick zu nehmen.
Es geht in unserer Predigtreihe darum, ähnlich wie in Martin Luthers Erklärung im Kleinen Katechismus, Hindernisse zum Glauben durch ein besseres Verstehen aus dem Weg zu räumen, es geht um eine Verständigung über das, was unseren Glauben zentral ausmacht.

II

„Gott will … uns locken, daß wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater “ damit benennt Martin Luther die Anrede Gottes als Vater als ein entscheidendes Merkmal des Gebets.
Diese Anrede „Unser Vater im Himmel“ – wie es eigentlich sprachlich richtig heißen müsste – während die uns geläufige Wortstellung „Vater unser“ dem lateinischen „Pater noster“ folgt – gerade die Anrede Gottes als Vater ist nicht mehr selbstverständlich.
Denn durch die Anrede wird etwas über Gott ausgesagt. Erst durch die Anrede wird das Vaterunser zu einem Gebet.
Ein Gebet setzt ein Gegenüber voraus. Und indem ich dieses Gegenüber anrede, es als „Du“ anspreche – wie in der Anrede und den ersten drei Bitten – stelle ich mir dieses Du irgendwie vor. Ich mache ich mir ein Bild von Gott als meinem „Vater“ im Himmel“
Dabei stößt mich diese Anrede auf ein grundsätzliches Problem. In einem Gespräch über das Vaterunser sagte mir einmal eine Frau sinngemäß:
„Wenn ich das Vaterunser bete, dann sage oder denke ich mir dabei ein >>Mutter unser<<. … ich kann mit „Vater“ nicht so viel anfangen. Für mich hat Gott eher mütterliche Züge.“
Die Frau sagt damit nicht, dass ihr das Beten an sich und grundsätzlich fragwürdig geworden ist.
Aber sie spricht den entscheidenden Punkt an, der für mich die Situation des Glaubens in der Neuzeit ausmacht und der uns alle auch beim Beten des Vaterunsers bestimmt:
Glaube und meine eigene Erfahrung gehören zusammen. Ich kann Gott nicht im Gebet als Vater anreden, ohne dass dabei meine eigene Gottesvorstellung, meine Erfahrung, mein Bild von einem Vater oder meine eigene Geschichte mitschwingt.
Dabei ist zunächst nicht die Existenz Gottes fraglich. Die Frau streitet nicht ab, dass es Gott gibt.
Aber dadurch, dass diese Frau und mit ihr viele andere Frauen -und auch Männer – die Anrede „Vater“ im Vaterunser auf ihre eigenen Erfahrungen und Geschichte mit ihrem leiblichen Vater beziehen, können sie diese Anrede Gottes als Vater nicht mehr mit ihrem Gottesbild in Einklang bringen.
Dabei steht oft auch die Kritik von Frauen an unserer kirchlichen Sprache im Hintergrund: Im Verlauf der Kirchen- und Theologiegeschichte wurde von Gott überwiegend nur so gesprochen, als sei er ein Mann. Dadurch wurde eine männliche Perspektive festgeschrieben und die Geschichte und Erfahrungen von Frauen ausgeblendet.
Und auch wenn der Namenspatron unserer Gemeinde von Gott als einem „liebenden Vater“ spricht, darf nicht vergessen werden, dass Martin Luther als Kind seiner Zeit auch einem Denken verhaftet war, für das ein Vater unhinterfragt der Haushaltsvorstand und Patriarch war.
Noch bis heute schwingt dieses Verständnis in der Anrede Gottes als Vater auch mit, und es hat auch mein kindliches Gottesbild geprägt.
Als Kind stellte auch ich mir Gott, den himmlischen Vater als so eine Art Übervater vor. In meiner religiösen Erziehung war Gott eine die Eltern unterstützende Erziehungs- und Bestrafungsinstanz.
Erst in späteren Jahren nach einer Ablösung vom Elternhaus, durch das Theologiestudium gelang es mir, mich mit dieser Vorstellung von einem allmächtigen „himmlischen Vater, der in das Verborgene sieht“ (Mt 6,6) auseinanderzusetzen und für mich andere Bilder von Gott zu finden und auch bei anderen, neue andere Bilder zuzulassen.
Es sind für mich Bilder von Gott, die nicht statisch und unbeweglich sind, sondern dynamisch und wandelbar.
Es ist die Vorstellung von einem freundlichen Gott. Bilder, die statt durch Autorität durch Nähe und jetzt durch Partnerschaft bestimmt sind. Bilder, die mir und anderen Vertrauen ermöglichen, die auch weibliche, mütterliche Züge beinhalten können.
Oder auch wie jemand sagte, als wir in der ESG zur Vorbereitung des heutigen Gottesdienstes über die Anrede des Vaterunsers diskutiert haben: „Ich stelle mir Gott gar nicht mehr als Person vor.“ Eine ähnliche Aussage lautete:
„Gott ist viel größer als unsere Vorstellung. Er ist allübergreifend. Und personifiziert, als Person, stellen wir ihn uns nur aufgrund unserer menschlichen Beschränktheit vor. Deshalb stellt sich für mich gar nicht die Frage ob Vater oder Mutter – Mann oder Frau -, auch wenn Gott vom Geschlecht her ein menschliches Wort ist.“
Es wurde in unserem Vorbereitungskreis auch von der Erfahrung erzählt, dass die Gottesvorstellung sich im Laufe des Lebens verändert. In der kindlichen Vorstellung sei Gott zunächst natürlich der alte, bärtige Mann auf der Wolke gewesen. Als einmal eine Kindergottesdienstmitarbeiterin Gott in einem Bild malte, auf dem Bäume und Natur zu sehen waren – wandelte sich die Gottesvorstellung, hin zu einem Bild von Gott, der auch in allem zu finden ist, was um uns herum ist; Gott etwa in der Schönheit seiner Schöpfung – ein Wandel im Gottesbild, der von der Vorstellung von Gott als Person hin zur einer Vorstellung von Gott als Grund allen Seins führte.

III

Alle diese Erfahrungen zeigen mir: ich kann Gott nicht im Gebet anreden, ohne dass dabei meine eigene Gottesvorstellung, mein eigenes Bild von Gott und meine Geschichte mit ihm mitschwingt.
Aber darf ich mir von Gott überhaupt eine Vorstellung, ein Bild machen? Durfte die eben erwähnte Kindergottesdienstmitarbeiterin, darf, ich meine Konfirmanden Bilder von Gott malen lassen? Verstoße ich damit nicht gegen das Bilderverbot des Alten Testaments also gegen das zweite Gebot in der reformierten Zählung der 10 Gebote: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“ (Ex 20,4).
Doch ich verstehe dieses jüdische, reformierte – und übrigens auch islamische – Bilderverbot nicht so, dass es uns Menschen alle Vorstellungen von Gott verbietet. Unser Gebet wäre kein Gebet, wenn wir uns nicht unser Gegenüber – Gott irgendwie – vorstellen würden, wenn wir uns nicht ein Bild, eine Vorstellung von Gott machen würden, wenn unser Gebet nicht auch in eine Geschichte, ein Gespräch mit Gott eingebunden wäre.
Das Bilderverbot möchte aber dennoch in unserer Beziehung zu Gott, das Geheimnis und die Unverfügbarkeit Gottes wahren.
Denn wir wissen das aus unserem menschlichen Miteinander, dass wir als Menschen in unserem Zusammenleben und in unserem Gespräch mit anderen immer in Gefahr stehen diese auf ein Bild festzulegen, so dass das Geheimnisvolle, Überraschende verloren geht, weil wir immer schon zu wissen meinen, wie unser Gegenüber ist.
Es ist dann ein fest gefügtes Bild, das geprägt ist durch die Vorgeschichte, die wir miteinander haben. Ein Bild, das abhängig davon ist, wie ich etwas gesagt habe oder etwa auch dadurch, wie, mit welchem unserer vier Ohren wir etwas hören.
Vier Ohren? – Ja, Sie haben richtig gehört.
Natürlich hat jeder Mensch biologisch gesehen nur zwei Ohren, aber das sogenannte Vier-Ohren-Modell aus der Kommunikationsforschung ist auch in unserem Alltag manchmal hilfreich, um Situationen besser zu verstehen. Es hilft auch zu verstehen, was bei der Anrede Gottes als Vater passiert.
Das Vier-Ohren-Modell weist jeder Aussage einen sachlichen Inhalt, eine Beziehungsebene, einen Appell und eine Selbstoffenbarung zu. Schwerpunkt und Interpretation dieser vier Betrachtungsweisen werden natürlich vom Empfänger der Botschaft definiert.
Ein typisches Beispiel: Ich bin mit meiner Frau mit dem Auto in einer bisher unbekannten Stadt unterwegs. Sie sitzt am Steuer. Das Auto nähert sich einer Kreuzung. Ich sage zu ihr: Da vorn steht ein Stoppschild.
Wie hören Sie diesen Satz?
Meine Fau kann diese Aussage vierfach verstehen, quasi mit vier Ohren hören:
1. Sie hört es mit dem Sach-Ohr: „Da vorn steht ein Stoppschild“ das hört sie zunächst als eine rein sachliche Information. Es wird ihr durch mich lediglich der Inhalt und die Information mitgeteilt, dass sich weiter vorn ein Stoppschild befindet.
2. Nun gibt es aber für jede Aussage, für jede Kommunikation noch das Beziehungs-Ohr
Mit diesem Beziehungs-Ohr hört meine Frau aus der sachlichen Information „Da vorn steht ein Stoppschild“ weit mehr heraus.
Beispielsweise könnte sie sich entmündigt fühlen und enttäuscht sein, weil ich als ihr Ehemann ihr offenbar das Autofahren nicht zutraue.
Vielleicht erkennt sie sogar den versteckten Vorwurf der Unachtsamkeit, obwohl ich diesen als perfekter Beifahrer, der ich als Mann von Natur aus bin, natürlich niemals so gemeint habe.
Das Beziehung-Ohr lässt eine Information somit durch folgende Filter fließen: Wie schätzt mein Mann mich ein? Welches Verhältnis herrscht gerade zwischen uns? Welche Rolle in unserer Beziehung (gleichwertig, überlegen, unterlegen) wird mir von meinem Mann zugewiesen?
3. Meine Frau könnte „Da vorn steht ein Stoppschild“ auch mit dem Appell-Ohr hören. Sie hört den Hinweis als Aufforderung. Warum sonst sollte ihr Mann sie sonst auf das Stoppschild hinweisen, das sie schon längst selbst bemerkt hat?
Der Appell lautet in diesem Fall: „Halte dort vorn an! Werde langsamer, tritt endlich auf die Bremse!“
Mit dem Appell-Ohr untersuche ich eine Information daher nach den Gesichtspunkten: Wozu werde ich aufgefordert? An welche Gefühle appelliert der Sprecher?
4. Und als letztes könnte sie den Satz „Da vorn steht ein Stoppschild“ auch mit dem Selbstoffenbarungs-Ohr hören.
Dieser vierte Aspekt jeder Aussage legt Motive, Denkweisen und Verhaltensmuster des Sprechers offen- also von mir -, natürlich wiederum aus Sichtweise der Hörerin, meiner Frau.
Wenn ich also vom Beifahrersitz aus meine Frau auf das Stoppschild hinweise, offenbare ich ein Teil von mir selbst und kann dies dann unter anderem bedeuten:
• Ich fühle mich unsicher, wenn ich nicht selbst fahre.
• Bestimmte Verkehrssituationen (unbekannte Stadt, unübersichtliche Verkehrssituationen) beunruhigen mich.
• Ich möchte meiner Frau helfen.
• Oder schlimmstenfalls: Hans-Jürgen Jung belehrt gern seine Mitmenschen.
Was trägt dieses kommunikationstheoretische Vier-Ohren-Modell von Friedemann Schulz von der Thun für unser Beten, für unsere Anrede Gottes als Vater aus?
Zunächst macht das Beispiel mit dem Stoppschild als alltäglicher Lebenssituation noch einmal deutlich, dass wir in bezug auf einen nahen Menschen, einen Freund, eine Partnerin oder ein Familienmitglied in unserem Gespräch auf ein bestimmtes Bild, eine Erwartung von ihm oder ihr festgelegt sind.
Aufgrund dieses feststehenden Bildes kann es irgendwann schwerfallen oder wird es gar unmöglich, miteinander zu sprechen oder sich zu begegnen.
Genauso will uns das alttestamentliche Bilderverbot erinnern, dass Gott nicht auf ein bestimmtes Bild festgelegt werden soll, sodass keine Begegnung mehr mit ihm möglich ist. Das Bilderverbot will Gott die Möglichkeit offen halten, sich ganz anders zu zeigen, uns ganz anders zu begegnen, als wir es vermuten, es will das Geheimnis Gottes wahren.
Das Bilderverbot hält den Platz frei für unser Gespräch mit Gott, ein Gespräch bei dem wir ihn als Vater anreden und dabei immer zugleich diese Anrede mit dem vierfachen Ohr verstehen können. Etwa „Unser Vater im Himmel“ mit dem Sachohr: Gott ist im Himmel. Oder mit dem Beziehungsohr verstanden: Gott ist wie mein eigener Vater – wobei hier das bereits gesagte über negative Vorerfahrungen mit dem eigenen Vater oder mit Männern mitzudenken ist. Und eben auch mein Bild von Gott als einem König, als einem Patriarch oder im positiven Fall meine Geschichte mit ihm als väterlichen Freund zu dem ich im Gefälle von oben und unten spreche oder in einer gleichwertigen, freundschaftlichen Beziehung stehe.
Oder mit dem dritten Ohr als Appell, als Aufforderung verstanden, mich in meinem Gebet an den Ort zu begeben, der mir zusteht – die Erde, während ich beim Beten Gott die Position des Überblicks überlasse. Und nicht zuletzt sagt dann die Anrede „Vater unser im Himmel“ in meinem Gebet immer auch etwas über mein Selbstverständnis als Betender aus. Bete ich, weil es mir gut geht, weil ich Gott danken möchte, oder bete ich, weil ich Gott brauche, vielleicht weil ich einen Halt brauche, in Situationen, in denen ich mich allein fühle.

IV

Und doch kann Gott, den ich im Vaterunser als Vater anrede, sich ganz anders zeigen, uns ganz anders begegnen, als wir es vermuten. Und dafür steht nun Jesus selbst als der Urheber der Anrede Gottes als Vater. Zwar findet sich die Bezeichnung Gottes als Vater, dieses Bild von Gott, bereits im Alten Testament.
Doch Jesus verschiebt die Akzente dieser Bildes und das ist sowohl auf der Inhalts- als auch auf der Beziehungsebene das Neue: die von Jesus verwendete Bezeichnung für Vater in der Anrede des Vaterunser nämlich „abba“ – aus seiner aramäischen Muttersprache müßten wir in unserer deutschen Sprache eigentlich durch ein Kosewort wiedergeben: „Papa“
„Unser Papa“ oder einfach „Papa“, diese Anrede Gottes in einem Gebet klingt in unseren Ohren genauso ungewohnt und überraschend, wie sie den Zeitgenossen Jesu erschienen sein muß. Auf der Inhaltsebene sagt Jesus damit: Gott ist nicht fern, weit weg, über den Welt thronend. Entscheidend in unserem Gottesverhältnis ist die Beziehung Gottes zu uns. Gott ist wie ein Vater, den seine Kinder liebkosen dürfen, ein Vater, der eben nicht strenger Richter ist, sondern auf seine Kinder bezogen ist.
Jesus nimmt durch dieses Bild von Gott als einem Vater, einem Papa einen ganz alltäglichen Vorgang auf und bezieht sich auf die Erfahrung eines Kindes von einem liebenden Vater, von einer liebenden Mutter.
Jesus hat damit keine theologisch oder philosophisch korrekte, objektive Lehre von Gott verkündigt. Aber und das ist das Selbstoffenbarungs-Ohr der Anrede „Unser Vater“: Jesus nimmt für sich selbst in Anspruch in weltlichen, alltäglichen Bildern und Geschichten von Gott zu reden. Jesus hat uns Gott neu nahegebracht, er hat den fernen Gott auch durch die Anrede „Vater“ gleichsam vom Sockel oder der Wolke heruntergeholt, auf den wir ihn gern in unseren Bildern und Vorstellungen verbannen.
Für Jesus ist Gott uns so nahe und uns vertraut, wie ein „Papa“, eine „Mama“ seinem oder ihrem Kind kommt.
Und auch die Gleichnisse Jesu sind solche Bilder von dem uns nahen Gott. „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ lässt sich die Botschaft von Jesus zusammenfassen. Und diese Bilder der Nähe Gottes stehen auch im Hintergrund der Anrede des Vater unsers.
Es sind eben keine Bilder vom alten Mann mit Bart auf einer Wolke, sondern alltägliche, weltliche Geschichten, Gleichnisse, in denen Gott da ist.
Vorhin haben wir mit den Arbeitern im Weinberg ein solches Gleichnis gehört. Mit Gott und seinem Reich verhält es sich wie mit diesem gütigen, großzügigen Weinbergbesitzer. Und Gott selbst ist da, wo wir als Hörer und Hörerinnen des Gleichnisses in unserem eigenen Leben die ganz andere Möglichkeit und Logik der Liebe nach der der Weinbergbesitzer handelt entdecken.
In dieser überraschenden Logik der Liebe, die großzügig den Wert eines Menschen nicht nach seiner Leistung bemisst, ereignet sich Gott..
Gott ereignet sich auch da, wo wir die Freude des Vaters aus dem Gleichnis vom Verlorenen Sohn nachvollziehen. Denn der Gott den wir im „Vater unser“ als Vater anreden ist tatsächlich wie der Vater, der seinem verlorenen Sohn entgegenläuft, ihn in seine Arme schließt und vor Freude ein Fest ausrichten lässt.
Oder mit Gott verhält es sich auch wie mit einem Hirten, der 99 Schafe zurückläßt, um einem verlorenen nachzugehen und wenn er dieses wiedergefunden hat, ein großes Fest feiert.
Und nicht zuletzt verhält es sich mit Gott wie mit einer Frau, die vor Freude über die wiedergefundene Münze ihres Schmucks ihre Freundinnen und Nachbarinnen einlädt und ein Freudenfest feiert.
Gerade diese Unbefangenheit von Jesus, mit der er Gott mit einem Weinbergbesitzer, einem Vater, mit einem Hirten oder mit einer Frau in seinen Gleichnissen vergleichen kann, mit denen er in alltäglichen Bildern von Gott spricht, kann auch uns davor bewahren, Gott auf ein bestimmtes Bild festzulegen, auch wenn wir von Gott nur in Bildern sprechen können.
Diese Unbefangenheit Jesu mit der er Gott in weltlichen, alltäglichen Zusammenhängen ins Spiel bringt, kann uns aber auch beim Beten davor bewahren, Gott nicht weltlos und die Welt nicht gottlos zu denken.
Der Gott, den ich als Vater unser anrede ist nicht der ferne Gott im Himmel, sondern der mir in meinem Alltag nahe Gott.
Und auch wenn ich ihn in meinem Leben zu verlieren drohe, Gott ist ein immer wieder nahekommender Gott, etwa da, wo ich Freundschaft, Liebe, Wertschätzung und Anerkennung erfahre.
Die Bilder von Gott sollten sich auch an dem messen lassen, was Jesus mit der Anrede „Vater unser“ auch wecken wollte – das Vertrauen auf Gottes Zukunft mit mir und unserer Welt.
Um eine Zukunft, um die wir mit den Worten Jesu bitten:
Vater unser im Himmel
und enden:
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Hans-Jürgen Jung

Gottesdienste

Sonntag, 23. 7.

10 Uhr, Kirche
Der Talar – ein Missverständnis
Anschließend Gespräch zum Thema
Pastor Kramer

Sonntag, 30. 7.

10 Uhr, Kirche
Hunger (Johannes 6, 30-35
Pastor Kramer

Samstag, 5. 8.

9 Uhr, Kirche
„Irgendwie anders“ – Ökumenischer Gottesdienst zum Schulanfang
Pastoralreferent Gebbe, Pastor Kramer und Findorffer Grundschüler

Sonntag, 6. 8.

10 Uhr, Kirche
Die Völkerwallfahrt zum Zion
Gottesdienst mit Abendmahl
Pastorin Witte

10 Uhr, Raum 1
Kinderkirche
Pastor Harms und Team

18.30 Uhr, Kapelle
Kurzfilmandacht
Pastorin Witte

Sonntag, 13. 8.

10 Uhr, Klostergarten
Taufgottesdienst
Pastor Harms

Freitag, 18. 8.

18 Uhr, Kirche
Begrüßungsgottesdienst für die neuen Konfirmanden
Anschließend Konfi-Party im Gemeindezentrum
Pastor Harms

Sonntag, 20. 8.

10 Uhr, Kirche
Weil Gott treu ist – Gottesdienst zum Israelsonntag
Pastor Kramer

10 Uhr, Raum 1
Kinderkirche
Pastor Harms und Team

Sonntag, 27. 8.

10 Uhr, Kirche
Gottesdienst
Anschließend Gespräch zum Thema
Pastorin Witte

18 Uhr, Kapelle
Taizé-Andacht
Verena Maier, Tabea Lenzen und Sonja Großewinkelmann