Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Predigt im Gottesdienst der Martin-Luther-Gemeinde Bremen Findorff, 13. 6. 2010

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden – das ist so kurz und so klar, wie ein Gebet sein muss – und doch ergeben sich da ein paar Fragen. Die Frage ist z. B., was denn der Wille Gottes ist, der im Himmel und auf der Erde geschehen soll? Woher wissen wir, was Gott will? Und ist es der Sinn dieser Bitte, dass wir tun sollen, was Gott will? Und eine andere Frage ist, wie sich der Wille Gottes von unserem menschlichen Willen unterscheidet? Sollen wir am Besten gar nichts mehr wollen sondern uns demütig in den Willen Gottes fügen?

Aber womöglich ist der menschliche Wille ja auch ein Phantom?
An dieser Stelle fange ich mit dem Versuch an, die Fragen zu entwirren.
Die neuere Hirnforschung will herausgefunden haben, dass es den menschlichen Willen gar nicht gibt (über den göttlichen Willen sagt sie natürlich nichts aus). Demnach ist es so, dass unsere Entscheidungen von verschiedenen Faktoren gesteuert werden: von Reflexen, Trieben, erlerntem Verhalten – und vom Zufall. Und erst hinterher legt es sich unser Hirn so zurecht, als sei das, was man entschieden habe, das Produkt des eigenen freien Willens gewesen.

Martin Luther hat vor 500 Jahren den freien menschlichen Willen auch für ein Phantom gehalten, aber aus ganz anderen Gründen. Seine Lebenserfahrung und sein Schriftstudium haben ihm gezeigt, dass der Mensch keinen freien Willen hat in Bezug auf das Heil.
Zwar können wir versuchen, uns mittels der Vernunft für das eine oder andere zu entscheiden (CA 19). Aber stärker ist doch die unterbewusste Stimme, die uns einflüstert, wie verlockend dieser Apfel zu essen sei, und wie wenig es ausmacht, dass man mal eben von der verbotenen Frucht probiert, und kann gönnt sich ja sonst nichts…
Wie Paulus sagt (Römer7, 15 ff): Ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. … Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.
Das hat Gott auch schon so gesehen, denn nach der Sintflut sagt er: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist Böse von Jugend auf. (Gen 8, 21)

Der Mensch, sagt Luther, ist immer unfrei in seinen Entscheidungen zum Guten oder zum Bösen. Luther vergleicht den Menschen, was seine Willen (nicht seine Intelligenz!) betrifft, mit einem Esel: Entweder er ist vom Teufel geritten – oder von Gott. Aber er sucht sich nicht selbst seinen Herren und seinen Weg aus. Sondern: Dass wir am Ende den richtigen Weg gehen und bei Gott landen – das macht Gott ganz allein und womöglich sogar gegen unseren Willen. Er gürtet uns und führt uns, wohin wir nicht wollen (Joh 21,18). Mit Jesus ist er nach Golgatha gegangen.

In dieser Auffassung ist Luther nun sehr unmodern. Denn bei uns steht der freie Wille hoch im Kurs. Er ist eines der wichtigsten Argumente überhaupt, wenn es etwas zu entscheiden gibt. Dann sagt man “Das will ich aber!”, oder “Das will ich aber nicht”. Und meint, damit sei die Sache geklärt, und man ist empört, wenn es nicht so kommt, wie man will, weil dem Notwendigkeiten oder Pflichten oder der Wille anderer entgegenstehen. Des Menschen Wille ist heute mehr denn je sein Himmelreich, und man ist narzisstisch gekränkt, wenn er sich nicht erfüllt. Man wähnt sich gern allmächtig und denkt, man könne tun und lassen, was man will. Und man will alles jetzt sofort.

Vor gar nicht so langer Zeit gab es noch Erziehungsprogramme, die darauf abzielten, den Willen des Kindes so früh wie möglich zu brechen. Damit fing man am besten schon beim Stillen an und hat das Kind nicht dann ernährt, wenn es Hunger hatte, sondern wenn die richtige Uhrzeit dafür war. Und so setzte sich das fort, jeder Trotz musste bekämpft, jede Willensregung beim Kinde getötet werden um es – ja, welchem Willen eigentlich gefügig zu machen? Dem Willen Gottes etwa, wie manchmal auch behauptet wurde? Oder wohl doch eher dem Willen der Erwachsenen?

Kindern werden heute noch sinnvoller Weise Grenzen gesetzt, oder besser: Man handelt sie mit den Kindern aus. Aber die pädagogischen Unterjochungsprogramme sind glücklicherweise überwunden. Dafür hat der eigene Wille seinen Siegszug angetreten, auch bei den Kindern.

Und bei ihnen wie bei den Erwachsenen offenbart sich, dass es manchmal gar nicht so einfach ist im Himmelreich des eigenen Willens. Denn um glücklich zu werden, muss man ja erst einmal überhaupt herausfinden, was man will? Und da hat man oft schon das Problem!

Einmal, wird erzählt, war ein Mensch, der hieß Bartimäus, der war blind und saß beim Betteln am Wegesrand. Da kam Jesus in die Stadt, und als Bartimäus das mitbekam, da schrie er so lange nach Jesus, bis der ihn zu sich rief. Und dann fragte Jesus ihn: Was willst du, das ich für dich tun soll? (Mk 10,51)

Blöde Frage, könnte man denken, ist doch ganz klar, Bartimäus möchte wieder sehen.
Aber die Frage danach, was Bartimäus will, ist wirklich ernst gemeint. Und sie ist heilsam. Er selbst soll sagen, was er will. Jesus ist nicht der Zauberapparat, der Menschen ungefragt gesund macht. Und vielleicht will Bartimäus auch gar nicht wirklich sehend werden? Er hatte als blinder Bettler eine zwar unbequeme, aber relativ geordnete Existenz. Und so ist es ja heute auch bei manchen Menschen. Manche richten sich in ihrem Unglück ein, so gut es geht, und scheuen die Veränderung. Wenn man einen Suchtkranken danach fragt, was er wirklich will – dann zeigt sich oft das ganze Elend. Daher diese gute Frage: Was willst du, das ich für dich tun soll?

Wir beginnen jetzt zu verstehen, dass es mit dem eigenen Willen nicht so einfach ist. Und wir kennen auch alle Situationen, wo uns das, was wir gewollt haben – vielleicht sogar aus tiefstem Herzen ersehnt haben – hinterher ins Abseits geführt hat. “Ich habe doch nur das Beste gewollt!”, sagen wir dann entschuldigend.
Wollen und Vollbringen klaffen eben oft genug auseinander.

Und selbst wenn man weiß, was man will, und es auch hinbekommt, heißt es noch lange nicht, dass es gut ist. Es fällt uns allen sehr schwer, die Folgen unseres Wollens abzuschätzen. Das gilt im globalen Maßstab wie im engsten persönlichen Bereich. Wer weiß schon, ob das, was ich als das Beste für mich ausmache, auch für meine Nächsten das Beste ist?

Und dann gibt es natürlich Lebenslagen, wo wir etwas wollen, von dem wir von vornherein wissen, dass es nicht in Ordnung ist.
Es ist schon so: Unser Wille bringt in ausreichendem Umfang Schlimmes hervor, um sagen zu können: Besser ist, es geschieht Gottes Wille!
Dein Wille geschehe – wie im Himmel, so auf Erden.

Aber was ist das?
Was will Gott? Was bitten wir da?

Deus lo vult, schrie die Menge, als Papst Urban im Jahr 1095 zum Kreuzzug aufrief. “Gott will es!”
Das war nicht das erste Mal und nicht das letzte Mal, dass die Berufung auf den Willen Gottes für widergöttliche Ziele missbraucht wurde. Was ist nicht alles schon mit dem Verweis auf den angeblichen Willen Gottes gerechtfertig worden: Die Rassentrennung in Südafrika, die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen, der Terror genauso wie der Krieg gegen den Terror. Aber auch Ereignisse von kleinerem Format erklärt man sich schon mal damit, dass Gott es so wollte und damit irgendetwas sinnvolles bezweckte: Der Beinbruch beim Skilaufen, der Rücktritt von Horst Köhler, die angebrannten Bratkartoffeln – Gott hat es so gewollt, sein Wille geschehe.

Das ist natürlich eine Karikatur. Aber im ernst: Woher können wir wissen, was Gottes Wille ist? Wir lesen ihn ja nicht in der Kristallkugel, und schon gar nicht in den finsteren Ecken unseres selbstsüchtigen Herzens. Wir können ihn aber in der Bibel lesen.
Denn da äußert sich Gott sehr klar darüber, was er will. Er sagt z. B. beim Propheten Jesaja:
Ich habe von Anfang an verkündigt, was hernach kommen soll,
und vorzeiten, was noch nicht geschehen ist.
Ich sage: Was ich beschlossen habe, geschieht,
und alles, was ich mir vorgenommen habe, das tue ich.
Hört mir zu, ihr trotzigen Herzen, die ihr ferne seid von der Gerechtigkeit! (…)
Ich will zu Zion das Heil geben und in Israel meine Herrlichkeit. (Jes 46, 10. 13)
Heil will Gott für Zion und Herrlichkeit für sein geliebtes Volk Israel. Und davon ausgehend, so kann ergänzen, Gerechtigkeit und Frieden für die ganze Welt.

Man könnte, um den guten Willen Gottes für diese Welt zu konkretisieren, darauf verweisen, was in den Geboten steht. Nicht nur in den bekannten 10, aber in denen natürlich auch, ist ja aufgeschrieben, was wir tun und lassen sollen. Sich an ihnen zu orientieren ist auch zweifellos gut für uns Menschen.
Trotzdem kann man die Sache schnell missverstehen und moralistisch umdeuten. Denn wenn wir im Vaterunser beten, das sich Gottes Wille erfüllen mögen, dann heißt das nicht, dass jetzt alle Menschen Gottes Willen ausführen sollen. Sonst hätte uns Jesus auch so zu beten gelehrt: “Dein Wille geschehe, indem alle Menschen deine Gebote erfüllen!” Aber so heißt es bekanntlich nicht. Dass sich Gottes Wille vollzieht, ist nämlich keine Angelegenheit unseres guten Willens, das ist keine Frage eines Rucks, der durch Deutschland oder sonst was geht, das liegt nicht an unserer Anstrengung, unserer Bemühungen. Dass sich Gottes Wille vollzieht – das ist Gottes Sache allein. Deshalb bitten wir ja darum, und tun ihn nicht einfach, und wir bitten ihn darum, und nicht uns.

Wo also lässt sich Konkreteres über den Willen Gottes erfahren?
Wie immer, liegt auch hier das Gute nahe. Wir tauschen nur ein Satzzeichen aus und nehmen den Punkt am Ende der Bitte um Gottes Willen weg und machen einen Doppelpunkt daraus. Und dann ist alles, was danach kommt, als eine Möglichkeit zu verstehen, wie Gottes Wille geschieht. Dann heißt unsere Bitte:
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden – Doppelpunkt:
nämlich dass wir unser tägliches Brot haben,
und dass uns die Schuld vergeben wird, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern,
und dass wir nicht länger in Versuchung geführt werden, sondern von dem Bösen erlöst werden – das will Gott.

So ist deutlich benannt, was Gott will, und ein Missbrauch seines Willens für unsere Zwecke ausgeschlossen. Gewalt und Unterdrückung, Rechthaberei und Hass, Habsucht und Schuldaufrechnung haben keinen Platz im Willen Gottes. Gott will Leben für alle, auch für die anderen, die ich nicht leiden kann. Gott will einen gerechten Ausgleich, bei dem alle genug haben zum Leben und keiner für sich mehr raffen muss, als er braucht. Gott will uns Zukunft öffnen und uns herausholen aus dem Sumpf der Sünde.

So geschieht Gottes Wille, so geschehen Heil, Frieden und Gerechtigkeit, die er verheißt.
Was wir bitten, das will Gott.
Und die einzige Frage ist, wenn wir das Vaterunser beten, ob wir das auch wirklich wollen, was wir bitten: Brot für alle, und Schuld vergeben, und dem Bösen ein Ende machen.

Was willst du? Und willst du das wirklich? – und das ist die Frage Jesu an uns. Er legt uns mit dem Vaterunser die Auslegung des Willens Gottes in den Mund, denn Gott will, was wir bitten, aber er stellt uns auch die Frage, ob unser Wille gleichförmig werden kann mit dem Willen Gottes, ob wir wirklich bereit sind abzugeben, für eine gerechte Verteilung des Brotes, und ob wir wirklich eine Vergebung wollen, die diesen Namen verdient, und ob unser Herz sich nicht doch lieber an das Böse klammert, das für uns so sicher und selbstverständlich und attraktiv ist. Sind wir bereit, dass wir unseren Willen zur Selbstbewahrung und Selbstbehauptung hinter den Willen Gottes stellen, damit alle leben können? Können wir sagen, was Jesus in Gethsemane sagt: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe?

Was Gott will, ist klar. Aber was willst du? – Im Beten des Vaterunsers wird das als eine heilsame Frage für uns gegeben.

Pastor Klaus Kramer

Gottesdienste

Sonntag, 23. 7.

10 Uhr, Kirche
Der Talar – ein Missverständnis
Anschließend Gespräch zum Thema
Pastor Kramer

Sonntag, 30. 7.

10 Uhr, Kirche
Hunger (Johannes 6, 30-35
Pastor Kramer

Samstag, 5. 8.

9 Uhr, Kirche
„Irgendwie anders“ – Ökumenischer Gottesdienst zum Schulanfang
Pastoralreferent Gebbe, Pastor Kramer und Findorffer Grundschüler

Sonntag, 6. 8.

10 Uhr, Kirche
Die Völkerwallfahrt zum Zion
Gottesdienst mit Abendmahl
Pastorin Witte

10 Uhr, Raum 1
Kinderkirche
Pastor Harms und Team

18.30 Uhr, Kapelle
Kurzfilmandacht
Pastorin Witte

Sonntag, 13. 8.

10 Uhr, Klostergarten
Taufgottesdienst
Pastor Harms

Freitag, 18. 8.

18 Uhr, Kirche
Begrüßungsgottesdienst für die neuen Konfirmanden
Anschließend Konfi-Party im Gemeindezentrum
Pastor Harms

Sonntag, 20. 8.

10 Uhr, Kirche
Weil Gott treu ist – Gottesdienst zum Israelsonntag
Pastor Kramer

10 Uhr, Raum 1
Kinderkirche
Pastor Harms und Team

Sonntag, 27. 8.

10 Uhr, Kirche
Gottesdienst
Anschließend Gespräch zum Thema
Pastorin Witte

18 Uhr, Kapelle
Taizé-Andacht
Verena Maier, Tabea Lenzen und Sonja Großewinkelmann