Aus aktuellem, traurigem Anlass

Ansprache von Pastor Hans-Jürgen Jung bei der Ökumenischen Trauerandacht, Donnerstag, 14.1., 18 Uhr Martin-Luther-Kirche

Vorbemerkung: Nach den Morden in der Hemmstraße ist das Entsetzen und die Betroffenheit im Stadtteil Findorff groß. Die Pastorin und Pastoren der Findorffer Martin-Luther-Gemeinde Norbert Harms, Hans-Jürgen Jung, Jennifer Kauther, Klaus Kramer und Pfarrer Robert Wagner von der katholischen St. Bonifatius-Gemeinde gedachten der beiden Opfer und boten durch Gebete, Texte und Lieder eine Möglichkeit, die Betroffenheit und das Entsetzen über die Tat in Worte zu fassen.

Ansprache

Liebe Findorfferinnen und liebe Findorffer,
liebe Bremerinnen und Bremer,
liebe Angehörige, Freunde und Nachbarn,
liebe Gemeinde!
„Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“
Dieses Wort spricht Jesus Christus im Johannesevangelium zu seinen Jüngern. Es ist die Jahreslosung für das Jahr 2010, das gerade erst vor zwei Wochen begonnen hat.
„Euer Herz erschrecke nicht!“ diese Worte gewinnen in unserem Stadtteil Findorff seit vergangenem Montag, als das neue Jahr gerade erst 11 Tage alt wurde, eine bedrängende Bedeutung.
„Euer Herz erschrecke nicht!“
Von einer Minute zur anderen ist plötzlich alles anders. Das Leben gerät aus den Fugen.

Es sind am Montag in der Hemmstraße Dinge geschehen, die wir nicht begreifen und wir stehen ohnmächtig und stumm davor. Die Gedanken und Gefühle gehen hin und her, manche wollen es nicht wahrhaben, nicht an sich heranlassen, möchten rückgängig machen, was nicht rückgängig zu machen ist.
Die Herzen sind zutiefst erschrocken.
In unserer Nachbarschaft der jähe Tod, das Entsetzen über dieses Verbrechen.
Eben nicht weit weg in fernen Gegenden mit hoher Kriminalitätsrate, sondern der „Tatort“ ist real – hier mittendrin in unserem Stadtteil, mitten im Leben und in unserem Alltag, auf dem Weg zum Einkaufen, zum Tanken, im Bus auf dem Nachhauseweg oder zur Arbeit.
Grauen und Bestürzung darüber, dass es die beiden Frauen willkürlich getroffen hat. „Zufallsopfer“ wie der Polizeibericht vermerkt.
Und obwohl diese sinnlose Tat jeden hätte treffen können – mich, die eigene Partnerin, den Partner, das eigene Kind – die beiden ermordeten Frauen waren eben auch Angehörige, Freundinnen, Nachbarinnen, Bekannte.
Man kannte sich vom Einkaufen, grüßte sich, begegnete sich vielleicht früher bei Schulelternabenden der mittlerweile erwachsenen Kinder, kannte sich aus Veranstaltungen der Kirchengemeinde oder aus der Gartennachbarschaft.
Es ist ein Netz von Beziehungen, in dem beider Leben hier im Stadtteil eingebunden war.
Und auch als beide starben, hat dieses Netz noch getragen, etwa indem medizinische und Erste Hilfe geleistet wurde, indem schnell die Polizei und Rettungskräfte benachrichtigt wurden und der Täter gestellt werden konnte.
Ich habe davon gehört, dass die Angehörigen sehr engagiert und aktiv durch ihre Nachbarschaft unterstützt werden. Und auch die Blumen und die Kerzen am Ort des Verbrechens und heute hier in der Kirche von den Nachbarn gespendet und von Ihnen angezündet – es sind Zeichen der Verbundenheit, mit den beiden Getöteten und ihren Familien. Alle, die heute Abend hier sind, fühlen es so und wollen sagen: Wir denken an Euch.
In der Trauer, die uns heute Abend hier zusammen-geführt hat und die uns verbindet, im Entsetzen und in der Fassungslosigkeit, in der Frage nach dem Warum? – die letztlich keine und keiner beantworten kann, bleiben viele Fragen:
Wie wird und kann es weitergehen?
Woher kommt für die Angehörigen in ihrer Trauer und für uns neue Lebensgewissheit?
Woher kommt für uns die Kraft und der Mut zum Weiterleben? Ein Leben, das ja weitergehen wird im Schatten dieses Unglücks?
Wie finden ältere Menschen wieder neu den Mut, die Türen zu öffnen und sich auf die Straße zu trauen?
Wie kann ich etwa meinem Kind das Vertrauen ins Leben vermitteln, eine Zuversicht, die der Angst, die diese Tat hervorruft, widersteht.
„Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ sagt Jesus, sagt das Wort uns als Losung, als Motto für das Jahr 2010.
Dieses Wort, mit beiden Teilen, eben „Euer Herz erschrecke nicht“ und „Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ diese Jahreslosung, nein Lebenslosung, bietet – finde ich – die nötige und notwendige Widerstandskraft gegen alle Lebensangst. Das Wort weist uns an den Gott und in Jesus Christus an den Menschen, der die Stimme der Trauer und des Entsetzens hört, auch die Stimme in uns, die keine Worte mehr findet.
Die Aufforderung „Glaubt“ ist dabei kein emotionaler oder geistiger Salto Mortale, der uns abverlangt wird, sondern die Zusage, dass unser zerbrechliches und gefährdetes Vertrauen, gehalten wird von einem größeren, eben Gott und seiner Liebe zu uns Menschen.
Gott ist nicht ferne in unserer Trauer. Er leidet mit und lässt keinen im Stich, nicht die Opfer, nicht die Angehörigen und auch nicht uns.
Gott trägt uns und unser Leben. Er will nicht den Tod, sondern das Leben, neues Leben, das wir hier schon zeichenhaft spüren, auch im Netz der sozialen Beziehungen im Stadtteil, das in den vergangenen Tagen und jetzt sichtbar geworden ist.
So schwer es ist,
so sehr jetzt die Trauer Macht hat und ihr Recht,
bei dem Trauerweg, den die beiden Familien noch vor sich haben, kann wenigstens etwas etwas helfen,
und das ist reden, reden, reden.
Reden wir mit den Angehörigen über unsere Traurigkeit. Reden wir untereinander über unsere Erschütterung und Hilflosigkeit. Reden wir als Freundin und Freund, Nachbarn und Bekannte – vielleicht sogar als nahe oder ferne Augen- und Ohrenzeugen über unsere Verwundung und unsere Verunsicherung.
Und schätzen wir alle Findorffer Nachbarschaftlichkeit, die uns hilft, mitzufühlen, Anteilnahme zu haben.
Und nehmen Sie, wenn der Schmerz zu tief und der Schock zu groß ist, professionelle seelsorgerliche und psychologische Hilfe in Anspruch. Reden Sie mit ihrer Pastorin, ihrem Pastoren, ihren Polizisten auf dem Markt im Stadtteil, den Beratern einer Beratungsstelle, der Telefonseelsorge oder dem „Weißen Ring“, um nur einige Anlaufstationen zu nennen.
„Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“
Ich vertraue darauf: dieses Wort von Jesus Christus, diese Jahreslosung 2010 gilt gerade zutiefst erschrockenen und verängstigten Herzen.
Und sie gilt auch weiterhin: noch 351 Tage im Jahr 2010 und darüber hinaus.
Gott will Kraft und Mut geben, mit allem Leid weiterzuleben.
Gott wird jede und jeden von uns stärken und will und wird in Zukunft mit uns zusammen die Opfer nicht vergessen.
Amen
(Es gilt das gesprochene Wort)

Gottesdienste

Sonntag, 23. 7.

10 Uhr, Kirche
Der Talar – ein Missverständnis
Anschließend Gespräch zum Thema
Pastor Kramer

Sonntag, 30. 7.

10 Uhr, Kirche
Hunger (Johannes 6, 30-35
Pastor Kramer

Samstag, 5. 8.

9 Uhr, Kirche
„Irgendwie anders“ – Ökumenischer Gottesdienst zum Schulanfang
Pastoralreferent Gebbe, Pastor Kramer und Findorffer Grundschüler

Sonntag, 6. 8.

10 Uhr, Kirche
Die Völkerwallfahrt zum Zion
Gottesdienst mit Abendmahl
Pastorin Witte

10 Uhr, Raum 1
Kinderkirche
Pastor Harms und Team

18.30 Uhr, Kapelle
Kurzfilmandacht
Pastorin Witte

Sonntag, 13. 8.

10 Uhr, Klostergarten
Taufgottesdienst
Pastor Harms

Freitag, 18. 8.

18 Uhr, Kirche
Begrüßungsgottesdienst für die neuen Konfirmanden
Anschließend Konfi-Party im Gemeindezentrum
Pastor Harms

Sonntag, 20. 8.

10 Uhr, Kirche
Weil Gott treu ist – Gottesdienst zum Israelsonntag
Pastor Kramer

10 Uhr, Raum 1
Kinderkirche
Pastor Harms und Team

Sonntag, 27. 8.

10 Uhr, Kirche
Gottesdienst
Anschließend Gespräch zum Thema
Pastorin Witte

18 Uhr, Kapelle
Taizé-Andacht
Verena Maier, Tabea Lenzen und Sonja Großewinkelmann