Christ, der Retter ist da

So glauben wir das. Alle Jahre wieder. In der stillen und heiligen Nacht. Wenn wir im Gottesdienst sitzen. Und wenn wir dann nach Hause gehen? Alle Jahre wieder werde ich froh sein, wenn ich vor dem Einschlafen nichts hören muss von neuen Angriffen auf Orte, in denen Terroristen vermutet werden. Und genauso froh, wenn einmal nichts von Attentaten zu hören ist. Es soll doch Frieden auf Erden sein – war das nicht die Botschaft der Engel?

Mit Weihnachten ist meine tiefe Sehnsucht nach wirklichem Frieden verbunden. Trotzdem will ich nicht die Augen vor dem Leben verschließen. Das macht die Bibel auch nicht. Für mich ist beides – die Friedenssehnsucht und die Wirklichkeit – gut abgebildet in einer Karikatur, die mein Pastorenleben von Beginn an begleitet. Das Bild ist für den Konfirmandenunterricht gedacht und auch dafür geeignet. Ich bitte die Jugendlichen, es zu betrachten, es anschließend zu beschreiben und ihre Gedanken dazu zu sagen: Da ist auch ein Baum zu sehen, so wie auf dem Foto oben. Allerdings ist der Baum abgenadelt, die Kerzen und der Schmuck bilden die Welt ab. Allüberall auf den Tannenspitzen sieht man: Geld, Waffen, Heroinspritzen. Ein drastisches Bild. Es will uns wachrütteln.

Das Entscheidende aber hat bisher kaum jemand im Blick. Der Karikaturist hat es bewusst sehr unauffällig gezeichnet. Man sieht es erst auf den zweiten Blick, wenn man sich eine Weile mit dem Bild beschäftigt hat. Also lautet meine Bitte: „Seht noch einmal genauer hin!“
Ganz unten, unter dem Baum sind Maria und Joseph und ihr kleines Kind. Sie sind auf der Flucht nach Ägypten, und ganz hinten sind die Pyramiden zu erkennen, denn „Herodes ließ in Bethlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten“ (Matthäus 2, Vers 16).

Stellen Sie sich vor, wir würden unter dem Weihnachtsbaum in der Kirche nicht mehr die Krippe aufbauen, sondern eine arabisch aussehende junge Familie, mit Angst im Gesicht, arm, auf der Flucht, und es stünden kleine Pyramiden dabei statt Ochs und Esel.

Sehr nah beieinander stehen in der Bibel die Erzählungen von der Geburt Jesu und von der Vertreibung. Die Autoren der biblischen Geschichten wussten, dass die Ankunft des Retters, auf den alle gewartet hatten, nicht das Ende von Krieg und Terror bedeuten.

Das weiß auch der Karikaturist, und das wissen wir: Es war damals ähnlich wie heute. Kaum war der Retter – das Kind, in Windeln gewickelt, in einer Futterkrippe – geboren, war er auch schon wieder auf der Flucht. Die wirkliche Welt lässt ihm keinen Raum.

Mit Weihnachten verbinde ich die Hoffnung, dass jeder eine Herberge hat, einen Ort, wo ein Leben ohne Angst möglich ist, die Hoffnung, dass niemand mehr sein Hab und Gut packen muss, um aus einer Welt zu fliehen, die geprägt ist von Gewalt. Wenn ich über Weihnachten nachdenke, rückt von Jahr zu Jahr dieser Teil der Frohbotschaft mehr in die Mitte: Gott hat sich verbunden mit dem schutzlosen Leben, mit dem Menschen, der keinen Platz hat in einer Welt, die geprägt ist von rücksichtsloser Gier. Und er wird diese besondere Verbindung nie abreißen lassen. Daraus könnten wir eine ganz neue, uralte christliche Leitkultur entwickeln.

Pastor Norbert Harms

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Weihnachtlicher Altarraum, Martin Luther Gemeinde