Meditatives Bibelgespräch

Es ist Mittwochabend, und ich mache mich auf den Weg in die Martin-Luther-Kirche. Dort in der Kapelle findet das „Meditative Bibelgespräch“ statt. Wolfgang Fritz und Lydia Salge leiten seit Ende 2013 diese Veranstaltung ehrenamtlich. Pastorin Carolin Witte ist seit kurzem mit von der Partie. Das Vorbereitungsteam ist auch schon vor Ort, als ich mit meiner Gitarre auf dem Rücken die Kapelle betrete. Nach einer herzlichen Begrüßung werden noch die letzten organisatorischen Details besprochen.

Der Stuhlkreis ist gestellt, die grünen Liedzettel liegen bereit und ein wunderschöner roter Zweig lenkt den Blick in die Mitte. Nach und nach kommen die Teilnehmenden an. Als alle Platz genommen haben, verstummen die Gespräche. Lydia begrüßt uns und beginnt mit einem Gebet: „Herr, öffne meine Ohren…“. Anschließend singen wir das erste Lied. Dann folgt die Namensrunde. Wolfgang bittet uns, unseren Vor- und Zunamen zu sagen; das gibt Auskunft darüber, wer wir sind, aber auch, wie wir uns an diesem Abend wahrnehmen. Es ist für mich befremdlich, meinen Namen so zu sagen und die anderen zu hören. Pastorin Witte spricht ein Eingangsgebet. „Ich sitze vor Dir, Gott, aufrecht und entspannt. In diesem Augenblick lasse ich alle meine Pläne, Sorgen und Ängste los. Ich lege sie in Deine Hände…“. Die Worte sind mir schon vertraut, und ich schließe getrost meine Augen.

Nun nehme ich wieder meine Gitarre zur Hand. Meist sind es kurze Taizé-Gesänge, die oft wiederholt werden, und von Zeit zu Zeit gleitet mein Blick zu Wolfgang, der mir ein Zeichen gibt, wann genug ist. Jetzt führt er uns in die Stille hinein. Wir folgen seinen Worten und sitzen aufrecht, schließen die Augen, stellen die Füße auf den Boden, entspannen Arme, Beine, Nacken und fühlen uns so verbunden mit Himmel und Erde. Wolfgang spricht langsam mit Pausen. Wir atmen in diese Stille hinein; das muss man aushalten können. Alle hören meinen Atem, mein Gähnen und mein Magen mischt sich auch ungewollt ein. Nicht jeder möchte sich so ausliefern. Wolfgang hat aufgehört zu sprechen, und wir sind nur noch still. Ich unterdrücke einen Hustenreiz, möchte die Stille nicht stören. Es hilft nichts, ich öffne meine Metalldose und fische schnell eine Pastille heraus. Heute bin ich auch Beobachter und wirklich, alle sitzen mit geschlossenen Augen entspannt da. Ich erinnere mich daran, dass auch schon mal jemand eingeschlafen ist. Ob Magenknurren oder Schnarchen, hier ist alles erlaubt, in einem geschützten Raum, Himmel und Erde so nah.

Lydia beginnt mit der Lesung, Verse aus der „Guten Nachricht“, Matthäus 25. Jesus teilt alle Völker in zwei Gruppen, die rechte Gruppe darf die neue Welt in Besitz nehmen, weil sie aktive Nächstenliebe geübt hat. Wir hören denselben Text dreimal. Die verschiedenen Stimmen, die den gleichen Text lesen, geben uns Zeit, das Gehörte noch einmal anders wahrzunehmen und für uns wichtige Stellen zu entdecken. Wir dürfen ein Wort oder einen Satz heraussuchen, der uns besonders berührt oder nachdenklich gemacht hat. Nun sprechen wir in Kleingruppen darüber, was uns bewegt. Das ist jedes Mal sehr hilfreich für mich. Heute bin ich mit Ingrid und Thomas zusammen. Es kommen so viel interessante Punkte zur Sprache und die Zeit vergeht wie im Flug, bis Wolfgang uns wieder in den Kreis ruft.

Carolin lädt uns ein, das dritte Lied zu singen. Anschließend versuchen wir uns im meditativen Tanz. Wolfgang erklärt uns die Bewegungen, und so schreiten wir nach dem Kanon von Pachelbel im Pilgerschritt hintereinander her, die rechte Hand auf der linken Schulter des Vordermannes oder der Vorderfrau. Voran geht Hellmut. Ich lege entschlossen meine Hand auf seine Schulter und passe mich seinem Rhythmus an. Am Schluss wird die Musik immer langsamer, und wir sind alle nicht mehr ganz so harmonisch einig. Das ist aber nicht wichtig. Der Kanon klingt aus und wir kommen zum Vaterunser im Kreis zusammen. Dann spricht Lydia den Segen und mit einem letzten Lied endet dieser Abend: „Geht heiter und haltet Ausschau nach der Liebe“. Das will ich gerne versuchen und gehe ausgeglichen und heiter durch den Abend nach Hause.

Das Meditative Bibelgespräch findet am 20.1. und 17. 2. um 20 Uhr in der Kapelle statt.

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Elsbeth Menze-Dittmayer