Einfache Sprache oder: einfach sprechen

Zu Hause habe ich eine einfache Sprache gehört und dann gesprochen. Meine Eltern waren einfache Leute. Zum Glück. Das hat Nachteile, aber auch Vorteile. So wie alles im Leben.

In der Schule hatte ich Religionsunterricht. Da war das Thema: „Wozu ist das Christentum gut?“ Wir hatten ein Buch mit dieser Überschrift. Von Heinz Zahrnt. Es war kompliziert. Aber ich habe es verstanden. Im Studium wurde es noch komplizierter. Nun ging es zum Beispiel um „eschatologische Ereignisse“. Bis heute versuche ich zu verstehen, was das ist. Auch das Rätsel der leiblichen Auferstehung habe ich noch lange nicht gelöst. Und schon gar nicht das Problem, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott sein soll. Ich begreife es bis heute nicht ganz. Trotzdem singe ich es immer wieder gern: „…wahr‘ Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd‘ und Tod.“ Wenn ich singe, erfahre ich, dass es noch einen anderen Weg gibt, die Bibel zu verstehen. Diesen Weg gehe ich, wenn ich andere Sinne einbeziehe. Wenn ich nicht allein den Verstand benutze. Auf diesem Weg wird die Wahrheit der Bibel nicht verflacht oder verfälscht. Ich entdecke sie einfach anders.

Das ist für evangelische Menschen ungewohnt. Wir evangelischen finden sehr wichtig, was Paulus seiner Gemeinde schreibt: „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi“. Dieser Satz steht im Neuen Testament, im Brief an die Römer. So ist im Laufe der Zeit die Gewissheit gewachsen: je klüger der Pastor oder die Pastorin predigt, desto mehr Glaube entsteht. Diese Gewissheit geht uns heute verloren. Jugendliche zum Beispiel wollen und können am Sonntagvormittag einfach keine kluge, lange Predigt hören. Da kann ich mir noch so viel Mühe geben. Andere haben Probleme mit den vielen Fachausdrücken, die immer wieder aus meinem Mund kommen. In meinen Gedanken haben sich nach sechs Jahren an der Uni viele davon angesiedelt. Es ist schwer, sie wieder loszuwerden und durch einfache Worte zu ersetzen.

Nun gibt es aber immer mehr Menschen, die sich trauen, mir zu sagen: „Sprich einfach!“ Es gibt den Wunsch nach mehr Gottesdiensten in einfacher Sprache. Aber nicht in der KiTa oder im Pflegeheim, sondern in der Kirche am Sonntagmorgen. Zuerst habe ich gedacht: „Wie soll das denn gehen?“ Aber inzwischen bin ich angekommen an dem Punkt in meinem Leben, wo sich meine Ohren von allein öffnen für diese Bitte. Also werde ich es immer wieder ausprobieren: im Gottesdienst einfach sprechen. Ich werde darauf achten, dass wir Lieder singen, die wir verstehen können. Ich werde darauf achten, dass alle da sein können. So gut es geht. Und ich hoffe, dass ich damit nicht die Besucher und Besucherinnen unserer Gottesdienste vergraule. Ich hoffe, ich kann andere hinzugewinnen: die von meiner Idee erfahren und neugierig werden.

Der nächste Versuch findet statt am Ostersonntag um 10 Uhr, in der Kirche. Es geht um Jesus, der von Gott auferweckt wurde.

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