Das warten wir mal schön ab.

Warten ist etwas sehr Schönes. Man kommt nur so selten dazu.
Zugegeben: Manchmal muss man auf einen verspäteten Zug warten oder steht im Stau. Oder man wartet auf einen lieben Mitmenschen, der nicht richtig auf die Uhr gesehen hat. Und auf eine anstehende Operation zu warten, zähle auch ich nicht zu den erquicklichen Dingen im Leben. Aber ansonsten gefällt mir das Warten immer besser, je mehr es in unserer Gesellschaft unbeliebt wird.
Um uns herum sind jede Menge piepender und blinkender Zeitmesser aufgestellt, die uns vorwärts jagen. Bloß nicht zu spät kommen! Bloß nichts verpassen! In den Schaufenstern ermahnen uns Angebote: „Jetzt zugreifen!“. Am schlimmsten ist es im Internet: Während ich mich über eine Urlaubsreise informiere, bekomme ich mitgeteilt, wieviel andere Interessenten es gibt. Schnell buchen, bevor es mir jemand anderes wegschnappt!
Aber den Druck machen uns gar nicht so sehr andere – den machen wir uns selbst. Viele halten es heute für selbstverständlich, jeden Wunsch sofort erfüllt zu bekommen. Jede Idee soll im selben Moment umgesetzt werden, jedes Begehren seine Befriegung finden. Der Liefertermin? „Am besten gestern!“
Manche reagieren mit Panik, wenn sie im Supermarkt warten müssen.
Demgegenüber entdecke ich immer mehr, wie schön das Warten sein kann. Wenn wir immer alles sofort haben wollen, bringen wir uns um kostbare Momente. Wir verpassen die Zeit, in der wir uns überlegen können, ob unsere Idee wirklich so gut war, und ob das Ding, das wir kaufen wollen, tatsächlich nötig ist. Wir nehmen uns aber auch die Vorfreude, diese köstliche Spannung. Wie herrlich ist es, sich im Geiste schon einmal auszumalen, wie es sein wird…
Unter diesem Gesichtspunkt kann man heute sogar der Langeweile etwas abgewinnen. Kennen sie dieses Gefühl noch von früher? Besonders die Sonntagnachmittage waren manchmal davon geprägt. Die Zeit dehnte sich, und man wusste nichts Rechtes mit sich anzufangen. Aber war das nicht schöner als die Hektik, mit der man heute von Event zu Event hetzt?
Warten ist etwas Schönes. Und jetzt in der Adventszeit ist wieder Gelegenheit dazu. Statt Weihnachten schon vier Wochen vorher zu feiern, kann man es abwarten und die Zeit bis dahin mit Sinnvollem und Schönem füllen. Mit etwas Langeweile. Mit der gebotenen Ruhe. Mit langsamen Weihnachtsvorbereitungen. Und Besuchen, für die man sich Zeit nimmt.
Und wenn Sie in den Tagen vor dem Fest in einer der langen Schlangen in den Kaufhäusern warten: genießen sie es! Es ist Zeit für Sie. Und wenn Sie wollen, machen Sie doch jemanden eine Vorweihnachtsfreude – und lächeln.

Kritik oder Zustimmung?

Sie sind in den im Artikel angesprochenen Fragen und Positionen anderer Meinung möchten dem Autor widersprechen oder zustimmen, dann wenden Sie sich bitte an den Kirchenvorstand als den presserechtlich Verantwortlichen.
Bei Interesse lädt der Kirchenvorstand Sie auch gern zur Diskussion ein. Dafür wenden Sie sich bitte an den Webmaster (moderiert; Bitte achten Sie auf die Netiquette)