Herde sucht Hirten

Im September 2013 und im Juli 2014 sind Pastorin Kauther und Pastor Jung aufgebrochen, um sich neuen beruflichen Herausforderungen zu stellen. Ab Oktober, also mit dem Erscheinen dieses Artikels, wird Pastor Kramer, nach seiner Rückkehr aus dem Diakonie-Krankenhaus, mit vollem Dienstumfang in der Gemeinde arbeiten.

Die Findorffer Gemeinde war ja schon immer in der besonderen Situation, dass es mehrere Hirten (Lateinisch: Pastor = Hirte) gab. In Zukunft neben Pastor Kramer und mir vielleicht wieder eine Hirtin. Das Wahlverfahren, das uns nun schon ein Jahr beschäftigt, wird sich auf jeden Fall noch bis in den Dezember hinziehen. Dann werden wir zu dritt auf je einer vollen Stelle in drei Gemeindebezirken arbeiten. Im letzten Jahr ist bei vielen eine tiefe Sehnsucht gewachsen, dass wieder Ruhe einkehrt in die Gemeinde, in diese Herde, die wir im Moment mit Teilzeit-Hirten hüten, so gut es geht. Ich bin froh, dass Pastor Ahlers und Pastorin Harbrecht da sind. Und doch verstehe ich gut, was mir in letzter Zeit mehr und mehr Menschen sagen: „Ich möchte doch wissen, an wen ich mich wenden kann, wer für mich da ist, wenn ich einen Pastor brauche.“ Es kann dabei um ein Gespräch gehen, aber auch um die geistliche Begleitung im Leben – und vor allem im Sterben. Und auch, wenn ich zum Gottesdienst komme, tut es gut, zu wissen, wer mir dort begegnet.

Der Hirt und seine Herde: ein oft beschworenes, manchmal hilfreiches, manchmal aber auch hinderliches Bild für den Pastor und seine Gemeinde. Im Johannesevangelium in Kapitel 10 sagt Jesus sehr deutlich: „Ich bin der gute Hirt. Ich kenne meine Schafe und sie kennen mich.“ Das gefällt mir. Es entspricht meiner Erfahrung nach über 20 Jahren als Pastor in der Gemeinde. Ich erlebe immer wieder, wie sich meine Dienste, von Taufen bis hin zu Bestattungen, dadurch verändern, dass die Menschen mich kennen und ich die Menschen kenne, die mir begegnen. Immer dort, wo Vertrauen gewachsen ist über die Jahre, entsteht ein unkomplizierter Kontakt, der wirklich gut tut. Allerdings braucht es dafür viel Zeit.

Ganz anders als der gute Hirt verhält sich in der Bildrede Jesu der bezahlte Knecht. Auch er hat die Aufgabe, die Schafe zu hüten. Aber er hat in Wahrheit kein Interesse an den Schafen, die ja nicht seine eigenen sind. Dieser Teil der Rede gefällt mir nicht. Auch ich werde für meinen Hirtendienst bezahlt und schätze die finanzielle Sicherheit, die heute mit dem Amt des Pastors einhergeht. Und genauso gut soll es auch der neue Kollege/die neue Kollegin haben. Ich finde, ein verlässlich bezahlter Pastor zu sein und mit Leib und Seele für die Gemeinde da zu sein, das schließt sich überhaupt nicht aus. Je länger ich im Dienst bin, desto mehr hilft es mir, mich daran zu erinnern (oder erinnern zu lassen): der gute Hirte, das bin ja gar nicht ich, das ist ja Jesus Christus oder Gott selbst, und ich bin auch nur Teil der Herde. Und dieser Gott will zuerst einmal mich weiden auf einer grünen Aue, bevor ich meinen imaginären Hirtenstab in die Hand nehme. Und noch etwas Wunderbares kann geschehen. Inmitten meines Dienstes, völlig unerwartet, wird jemand für mich zum guten Hirt, zur guten Hirtin, obwohl ich ihm oder ihr doch eigentlich die Rolle des Schafes zugedacht hatte.

Ich möchte diesen Artikel schließen mit einem Gedanken von Anselm Grün. In dem kleinen Band „Menschen führen – Leben wecken“ beschreibt er sehr genau die Eigenschaften eines Menschen, der Verantwortung trägt. Dazu gehört auch, dass ich mit den Dingen in Berührung kommen muss, mich einlassen muss auf das, was mir Gott anvertraut. Die Voraussetzung dafür ist, dass ich gut mit mir selbst im Kontakt bin, dass ich mit mir gut umzugehen weiß. Einen solchen Hirten, eine solche Hirtin wünsche ich mir für unser Kollegium.

Welchen Hirten, welche Hirtin wünschen Sie Sich für diese Gemeinde? Die vor uns liegenden Bewerbungsgottesdienste und die anschließenden Gespräche bieten allen die Gelegenheit, die eigene Stimme einzubringen.

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