Es ging spazieren vor dem Tor …

Ich liebe das Singen und tue das jeden Tag. Als Kind haben unsere Eltern oft mit uns gesungen. Meine Mutter kannte traurige Lieder aus Ostfriesland und mein Vater konnte seine Tränen kaum zurückhalten, wenn er „Es steht ein Soldat am Wolgastrand“aus der Operette „Der Zarewitsch“ intonierte. Im Gesangverein übten wir „Schön blüh’n die Heckenrosen“, ein „Soldatenlied“. Ich kenne noch alle Texte. Ist das ungehörig, wenn ich sie noch manches Mal singe? Sie gehören zu mir, sind meine Geschichte, genauso wie der Negerkuss und der Sarotti-Mohr, der mit seinem hübschen Turban und Pluderhosen auf der leckeren Schokolade prangte, oder die Geschichten aus dem Struwwelpeter: „Es ging spazieren vor dem Tor ein kohlpechrabenschwarzer Mohr“. Ich bin deswegen weder kriegsbegeistert noch rassistisch. Ich habe Freunde aus aller Welt, die Hautfarbe spielt dabei überhaupt keine Rolle.
Im Dezember 2012 konnte man lesen, dass Familienministerin Kristina Schröder diskriminierende Begriffe weglasse oder Umschreibungen verwende, wenn sie ihrer damals 1 ½jährigen Tochter Geschichten vorlas. Für den Umgang mit älteren Kindern schlug sie vor, Begriffe wie Neger zu erklären, deren Geschichte und eventuell verletzende Bedeutung in der Gegenwart. Darauf kündigte der Stuttgarter Thienemann-Verlag im Januar an, diskriminierende Begriffe wie „Negerlein“ aus seinen Kinderbüchern zu streichen. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Februar 2013 hat ergeben, dass 70 % der Befragten keine Streichung diskriminierender Begriffe wie „Negerlein“ aus Kinderbüchern wünschen.
Und wie ist das mit der Bibel?
Im 1. Buch Mose, im 2. Kapitel, Vers 18 geht es um die Erschaffung der Frau. In meiner Bibel aus dem Jahre 1800 steht nach Luther: „Und Gott der Herr sprach: ‚Es ist nicht gut, daß der mensch allein sey; ich will ihm eine gehülfin machen, die um ihn sey.‘“ Fast genauso steht es in der Luther Bibel von 1984: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei: ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.“ Aber dann folgt ein Hinweis: Wörtlich: ich will ihm eine Hilfe schaffen als sein Gegenüber (d.h. die zu ihm passt). Die „Bibel in gerechter Sprache“ bindet die Anmerkung mit ein: Dann sagte Adonaj, also Gott: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will für ihn eine Hilfe machen, so etwas wie ein Gegenüber.“
Welche Frau möchte heute nur „Gehilfin“ sein? Das ist diskriminierend, aber darum streichen wir es nicht aus der Luther-Bibel. Der Kommentar der neueren Übersetzung weist auf eine frauenfreundlichere Interpretation hin, die die Bibel in gerechter Sprache aufnimmt.
Übersetzungen sind immer auch Auslegungen, denn es gibt eben nicht immer genaue Entsprechungen in der Zielsprache. Die Bibel ist an vielen Stellen frauenfeindlich, z.B. bietet Lot im 1. Buch Mose 19,8 seine Töchter fremden Männern an, damit sie ihn und seine Gäste in Ruhe lassen. Unter Sprüche 11,22 erfahren wir, dass eine schöne Frau ohne Zucht wie eine Sau mit einem goldenen Ring durch die Nase ist. Die Geschichten der Bibel spiegeln eben die damalige Gesellschaft wider, das kann man auch nicht „schön-auslegen“ oder einfach nicht mehr drucken. Doch ich finde, darüber kann man reden, predigen und sich eine Meinung bilden
Ich finde es heute nicht mehr angemessen, von Negern zu sprechen, juristisch kann das schon eine Beleidigung sein. Aber Bücher umzuschreiben, das halte ich für fragwürdig. Zukünftige Generationen werden andere Bücher schreiben und lesen und damit ein Zeugnis IHRER Zeit sein. Wenn man Kindern „alte“ Bücher vorliest oder lesen lässt, könnte man, wie Familienministerin Schröder es vorschlägt, darüber sprechen, dass sie in einer anderen Zeit geschrieben wurden und manche Begriffe heute veraltet, unverständlich oder verletzend sein können oder man greift auf modernere Lektüre zurück. Es ist wichtig, dass wir unsere Wortwahl kritisch hinterfragen, aber politische Korrektheit kann zu einer Art Zensur werden. Eine Sprachbereinigung in Büchern verfälscht unter Umständen unsere Geschichte.
Elsbeth Menze-Dittmayer

Zur Diskussion – Wir sind offen für Menschen.

heißt es in unserem Leitbild. Und die Erläuterung lautet: “Die Martin-Luther-Gemeinde sieht es als ihre Aufgabe an, Menschen in ihrem eigenverantwortlichen Glauben und Handeln zu begleiten, zu fördern und zu stärken. Wir bieten Raum für Begegnung.”

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Elsbeth Menze-Dittmayer