Meinung zur Änderung des Bestattungsrechts in Bremen

Der letzte Wille entscheidet

unter dieser Vorgabe machen sich gerade Bremer Parteien daran, das Bestattungsrecht in Bremen zu ändern. Der Friedhofszwang, also die Pflicht zur Beisetzung von Sarg oder Urne auf einem Friedhof soll gelockert werden. Angehörigen soll es möglich sein, die Asche eines Verstorbenen zu Hause aufzubewahren. Sie können die Urne mit der Asche des verstorbenen Großvaters bis zu zwei Jahren zum Abschiednehmen auf der Fensterbank, im Bücherregal oder auf dem Kaminsims aufstellen. Der Verstorbene muss das aber zu Lebzeiten in seinem letzten Willen festgelegt haben. Damit soll ein Missbrauch mit der Asche verhindert werden. Die Urne soll z.B. nicht in den Müll wandern oder auf dem Dachboden vergessen werden. Darum muss sie nach den zwei Jahren in einer bereits beim Tod gekauften und reservierten Grabstätte beigesetzt werden – so der Vorschlag der Fraktionen von SPD und Grünen in der Bremer Bürgerschaft.
Nicht der traditionelle Totengedenkmonat November mit seinen Gedenktagen Volkstrauertag, Buß- und Bettag und Ewigkeits-/Totensonntag veranlasst die Politiker zu ihrem Reformvorhaben. Im Ausland, etwa in den USA ist es möglich, die Urne zu Hause aufzubewahren. In der Schweiz kann die Asche eines Verstorbenen verstreut werden. Möchten Bremerinnen und Bremer dies tun, können sie über den Umweg einer Verbrennung ihres toten Angehörigen im Ausland den in Deutschland seit 1934 geltenden Friedhofszwang umgehen. „Dieser sowohl für die Angehörigen als auch für die Verstorbenen würdelose ,Leichentourismus‘ wird zunehmend häufiger praktiziert“, argumentiert der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Arno Gottschalk.
Die Befürworter wünschen sich eine Liberalisierung des Bestattungsrechts und argumentieren mit der Würde des Toten und den individuellen Wünschen der trauernden Angehörigen. Der Friedhofszwang sei eine „Bevormundung und Einschränkung ihrer persönlichen Bedürfnisse und Wünsche“. Kritik an dieser Position kommt von Vertretern der CDU und von der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK). Der stellvertretende Schriftführer der BEK, Pastor Bernd Kuschnerus, lehnt eine Aufhebung der Friedhofs- und Bestattungspflicht klar ab. „Eine Urne im Wohnzimmer – auch nur für zwei Jahre – kommt für ihn nicht infrage. „Das hat für mich nichts mit Würde zu tun.“ (Stern.de vom 27. August 2013, 09:02 Uhr).
Auch ich finde, die Befürworter einer Änderung des Friedhofszwangs in den Bürgerschaftsfraktionen machen es sich zu einfach. Durch die bisherige Pflicht zur Beisetzung einer Urne mit der Asche eines Verstorbenen auf einem ausgewiesenen Friedhof wird nicht die individuelle Freiheit des Trauernden beschnitten oder werden Angehörige gesetzlich oder staatlich bevormundet. Als Pastor der BEK möchte ich keine neue kirchliche Regel aufstellen oder die Individualisierung von Trauerkultur in Frage stellen. „Es gibt keine bestimmte Begräbnisform, die sich zwingend aus Bibel und Bekenntnis ableiten lässt. Grundsätzlich fühlen sich jedoch die christlichen Kirchen verpflichtet, für eine würdevolle Bestattung zu sorgen und auch gesellschaftlich einzutreten.“ BEK-Webseite
Bei Trauerfeiern ist darum heute Vieles möglich – angefangen bei von der CD eingespielten Musik bis hin zu einer freieren Gestaltung des Abschiedsrituals. Da werden Rosen auf einen bunt angemalten Sarg abgelegt, Teelichter oder Kerzen angezündet und steht ein Foto des Toten auf einem Stativ. Freie Rednerinnen und Redner – unterstützt von alternativ geprägten Bestatterinnen und Bestattern – haben zu dieser Vielfalt beigetragen. Auch die Tatsache, dass in Bremen gerade etwa noch die Hälfte der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehört muss eine Reform des Bestattungsrechts beachten.
Doch ich finde, gerade der sogenannte Friedhofszwang regelt in unserer Bestattungskultur etwas Wichtiges. Es ist der Gesichtspunkt, dass Trauer einen öffentlichen Ort hat. Die Würde des Toten – egal ob in Urne oder im Sarg beigesetzt – besteht auch darin, dass seine sterblichen Überreste kein Privatbesitz sind. Bestattungsorte sind und sollten öffentliche Ort des sozialen Gedenkens bleiben.

Gerade Öffentlichkeit ist für meine Arbeit mit trauernden Angehörigen wichtig. Etwa wenn ich mit Ihnen nach dem Tod eines Angehörigen eine Trauerfeier plane, ist es ein öffentlicher Gottesdienst. Auch bei einer Trauerfeier im engsten Familienkreis bleibt durch den Pastor als symbolischen Repräsentanten von Kirche und Gemeinde gewährleistet, dass niemand – auch nicht der missgünstige Erbonkel oder die böse Schwiegermutter – ausgeschlossen wird und die Trauerfeier zu einer Privatangelegenheit wird.
Trauer hat darum neben allen individuellen auch immer einen gesellschaftlichen Aspekt. Und das kann auch für Sie, liebe Leserinnen und Leser, wichtig werden. Vielleicht wenn Sie sich um Ihr eigenes „Nachleben“ nach Ihrem Tod kümmern – sich der Frage stellen „Für mich Erdbestattung oder Feuerbestattung? Oder nach der Reform zugespitzt „Fensterbank oder doch lieber Friedhof“. Die Frage stellt sich auch, wenn Sie sich mit den Wünschen eines verstorbenen Angehörigen auseinandersetzen müssen – etwa weil Sie in Ihrer Familie eine Beisetzung organisieren. Gehe ich den Wünschen des Toten nach oder folge ich meinen eigenen Bedürfnissen?
Halten Sie sich bei diesen Fragen doch an folgende Regel, die durch den „Friedhofszwang“ beantwortet ist: Trauer braucht einen öffentlich zugänglichen Ort. Auch bei einer Seebestattung oder einem anonymen Begräbnis sind die öffentliche Zugänglichkeit des Ortes und der ungefähre Beisetzungsort gewährleistet. Und auch betroffene „Dritte“ (Freunde, Nachbarn, Lebenspartner) benötigen einen dauerhaft zugänglichen Ort, um einen verstorbenen Menschen zu trauern. Der eigene Garten hinterm Haus oder das Wohnzimmer sind das nicht – denn Konflikte und (Erb-) Streitigkeiten können auch in den besten Familien vorkommen.
Zurückhaltung möchte ich auch unseren Politikern empfehlen, denn das Thema Tod ist und bleibt ein heikles Thema. Bei Bestattungen sollte das Empfinden der Bevölkerung berücksichtigt werden. Die Internetseiten der BEK nennen Beispiele: „Es darf keine Ausstreuung der Asche eines Toten auf dem Picknickplatz im Bürgerpark oder von den Domtürmen geben.“ „Das Verstreuen der Asche auf dem Fußballfeld des Lieblingsvereins oder der Verkehrskreuzung als Erinnerung an den Todesort wird ausgeschlossen.“ Sollte das Bestattungsrecht in Bremen derart liberalisiert werden, wäre die Fensterbank, das Bücherregal oder der Kaminsims vielleicht dann doch der würdevollere Ort für die Asche des Großvaters meint Pastor Hans-Jürgen Jung

*24.11., 10 Uhr Gottesdienst am Totensonntag /
Ewigkeitssonntag mit Gedenken der Verstorbenen*

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