Neu anfangen

Die Urlaubsfotos sind bearbeitet und auf dem PC gespeichert. Heute Morgen mein erster Arbeitstag nach dem dreiwöchigen Urlaub. Kurz die Mails checken. Gott sei Dank, ich muss nicht die Welt retten. Aber über 200 sind es doch – wie immer viel Müll und eine Menge Werbung dabei. Die wichtigsten E-Mails habe ich schnell abgearbeitet. Stopp. Da ist noch eine: Wir haben noch kein Thema für diese mittendrin-Ausgabe. Ach ja, die September-Ausgabe muss rechtzeitig bei der Druckerei eingeliefert werden. Und eine Mail war ohne Anhang mit wichtigen Terminen und jetzt ist der Betreffende in Urlaub. So ein Mist. Eine gewisse Unlust weiterzumachen kommt bei mir auf. Sind es Fluchtgedanken? Schon wieder muss ich produktiv und kreativ sein. Schon wieder die gleichen Alltagsroutinen.
Noch vor einer Woche im Urlaub war alles so anders. Wir hatten in den drei Wochen nur einen Regentag, nicht gerade ein Wetter wie der diesjährige Bremer Sommer. Und auch der familiäre Stress hielt sich auf der Fahrt und am Ziel in Grenzen. Ein Liegestuhl und ein guter schwedischer Krimi, nur für mich. Mein Sohn vergnügte sich im Pool und meine Frau schmökerte in ihrem Buch – alles stressfrei und ungewohnt harmonisch. Wir haben neue aufregende Städte kennengelernt und einige Wege im Schwarzwald erwandert. Endlich oben angekommen wurden wir für den anstrengenden Aufstieg oft mit einer grandiosen Aussicht belohnt. Und jetzt hier im Nordwesten wieder alles flach, nicht nur die Landschaft, sondern irgendwie auch der Alltag.
Vielleicht kennen Sie das auch? Neu anfangen nach dem Urlaub, das ist mit ambivalenten Gefühlen verbunden. Die Angst vor den Routinen in der Beziehung oder in der Familie, in Beruf oder Schule. Bis zum nächsten Urlaub dauert es noch einige Zeit. Und irgendwie scheinen keine Höhepunkte in Sicht zu sein. Irgendwie bevorzuge ich doch meine Urlaubsgefühle, die Freude auf das Neue und die Abwechslung. Die Sehnsucht nach Ruhe und nach freier Zeit.
So war es, als wir in unserer Ferienwohnung ankamen – unter dem Dach eines Schwarzwälder Bauernhofes. Die Gegend ist katholisch. Es gibt viele Wegkreuze und fast jedes Haus hat im Wohnzimmer einen Herrgottswinkel, also ein Kreuz in einer Ecke hängen. Auf dem Dach unseres Bauernhofes gab es sogar einen Glockenturm. Die kleine Glocke, die schickte noch vor zwei Generationen dreimal täglich ihr Angelusläuten ins Tal. Besonders berührt hat mich aber sofort bei der Ankunft eine Christusfigur an der Ecke des Hauses. Nicht versteckt, sondern an einer markanten Stelle auf dem Weg zur Haustür. Ein gutes Zeichen für unseren Urlaub – dachte ich. Hier wird der Segen Gottes zeichenhaft sichtbar. Schwarzwälder Bauern finden diesen Segen mitten in ihrem Alltag. Aber er gilt auch uns, den Urlaubsgästen für die nächsten zweieinhalb Wochen unter diesem Dach.
Und jetzt wieder zurück in Bremen am ersten Arbeitstag denke ich: Schade, dass es solche Symbole des Segens an Hauswänden oder an Wegkreuzungen nicht so offensichtlich gibt. Sie laden ein, innezuhalten und nachzudenken. Und sie vergewissern mich, dass Gottes Segen trägt und uns begleitet, im Urlaub aber auch im Alltag, wenn ich wieder neu anfange. Vielleicht muss ich mir diese Symbole ja im protestantischen, kühlen Norden selbst schaffen. Es müssen keine Jesusstatuen sein. Vielleicht sind es ja so etwas wie innere Wegkreuze bei den Entscheidungen, vor denen ich jetzt stehe. Vielleicht ist es eher eine Haltung der Gelassenheit und der Gnade gegen mich selbst. Diese Haltung, dieses Verhalten hilft gegen Unlustgefühle und Gefühlsambivalenzen. Sie macht es mir leichter, wenn ich jetzt nach dem Urlaub wieder neu anfangen muss.
Entdecken Sie und schaffen Sie doch auch solche Zeichen in ihrem Alltag, wenn auch Sie jetzt nach den Sommerferien neu anfangen …

Hans-Jürgen Jung