Kann ich Gott auch beim Shoppen entdecken?

Kann ich beim Shoppen in der Waterfront Gott begegnen?
Ich meine die Frage ernst und will sie erweitern: kann ich Gott begegnen, wenn ich mit meinem Pastor ewig lange Fußball spiele statt in der Bibel zu lesen und Psalmen oder Choräle auswendig zu lernen? Muss ich, um Gott zu finden, in den Gottesdienst gehen?

Ich versuche eine Antwort:
Tatsächlich habe ich schon mit manchen Konfirmanden viel Fußball gespielt. Früher beschlich mich Verunsicherung, wenn dann die Eltern nachfragten, ob ihre Kinder denn nichts lernen würden. Im Lauf der Jahre ist diese Unsicherheit mehr und mehr von mir abgefallen. Dazu hat auch ein Aufsatz von Martin Luther beigetragen: Von den guten Werken (1520). Er wendet sich darin gegen jene, die „die guten Werke so eng fassen, dass allein das Beten, Fasten und Almosengeben übrigbleiben.“

Dann beruft er sich auf den Prediger Salomo und fordert uns geradezu auf: „Geh‘ fröhlich deiner Wege… genieße dein Leben an jedem Tage dieser schnell entfliehenden Zeit.“ Und wenn dann Gott in deinem Herzen die Zuversicht findet, dass es ihm gefällt, was du tust, so ist das Werk gut, „wenn es auch so gering wäre wie einen Strohhalm aufheben.“ Das muss man sich einmal durch den Kopf gehen lassen – und durch das geplagte Gemüt, auf der rastlosen Suche nach dem Glück und auch nach Gott.

Wenn ich also sicher bin, dass heute für diese Konfirmanden und für mich Fußballspielen der gute Weg ist, auf dem wir sogar Gott begegnen können, einem Gott, der es gut meint mit uns, dann spielen wir eben Fußball. Und alle Zweifel, meine Konfirmanden würden zu wenig lernen, lösen sich dabei von selbst auf. „In diesem Glauben werden alle Werke gleich, und eines ist wie das andere. Es verschwinden alle Unterschiede zwischen den Werken, sie seien groß oder klein, kurz oder lang, viele oder wenige.“ (Von den guten Werken)

Auch beim Shoppen in der Waterfront ist es so: entweder ich lebe in der Zuversicht, dass Gott freundlich (Luther würde sagen „gnädig“) auf mich sieht, weil ich gerade in diesem Moment mein Leben genieße – dann tue ich ein gutes Werk. Wenn ich mir vom Shoppen aber erhoffe, ich könnte mich verstecken vor meinen Aufgaben, wenn ich vom Shoppen wieder einmal nur Ablenkung suche von meinem Leben, dann kann ich sicher sein: auch wenn ich noch so viel kaufe, wenn ich mich in weiße, bunte, modische, ausgefallene oder was weiß ich für Kleider (oder Smartphones oder Möbel oder Autos oder Dolby-Surround-Anlagen) hülle, es ist darin keine Begegnung mit Gott, sondern mit einem Götzen, der mir vorgaukelt, durch Konsum mein Glück und auch Gott zu finden. Es ist quasi ein Tanz ums goldene Kalb.

„Trage allezeit weiße Kleider und lass deinem Haupt niemals das Salböl fehlen“, so steht es im Buch Prediger im Alten Testament. Wenn ich also Luthers Übersetzung auf mein Leben übertrage, bedeutet dies: ich trage weiße Kleider, wenn ich das, was ich jetzt gerade tue, mit ganzem Herzen tue, egal, ob ich im Gottesdienst sitze, mit meinem Pastor Fußball spiele oder auf ganz anderen Wegen unterwegs bin.

Am Schluss dieser kleinen Abhandlung möchte ich Sie einladen zu einem weiteren Abend in der Reihe:
„Religion für Neugierige“ –
„Wie und wo begegnet mir Gott?“
Donnerstag, 14.6., 20 Uhr, Gemeindesaal

Norbert Harms