Wie feiern Jugendliche Weihnachten?

Früher war mehr Lametta

Nein, dieser Satz von Opa Hoppenstedt aus Loriots genialem Weihnachtssketch ist bei einem Gespräch mit 14 bis 18jährigen Jugendlichen zum Thema Weihnachten sicher nicht zu erwarten. Doch wie feiern Jugendliche Weihnachten? Was ist ihnen an diesem Fest wichtig? Anfang November habe ich im Jugendraum der Martin-Luther-Gemeinde bei einem Teamer-Treffen Anna, Pia, Maik, David und 12 andere danach gefragt, was ihre eindrücklichste Erinnerung an Weihnachten ist.
Die Antworten der Jugendlichen reichten von den in der Weihnachtszeit geschmückten Häusern hin zum nicht alltäglichen Verwandtenbesuch aus London. Einer sprach von „geilem, leckerem Essen“, andere erinnerten sich schmunzelnd an den Weihnachtsmann, der als Verwandter enttarnt wurde. Eine erinnerte sich an ein trauriges Weihnachtsfest, weil die Uroma am Heiligen Abend gestorben war. Die Weihnachtszeit ist für die Jugendlichen wie für viele Erwachsene eine Zeit mit ambivalenten Gefühlen: eine Zeit voll Freude, aber manchmal auch voll Traurigkeit. Einer der Älteren sagte „Seit dem Tod meines Vaters vor vier Jahren gibt es für mich kein richtiges Weihnachten mehr.“
„Weihnachten ist anstrengend … aber auch schön.“ erzählt Pia und andere aus dem Kreis erläutern mir, warum auch für Jugendliche Weihnachten manchmal anstrengend ist: Manche suchen schon während des Jahres Geschenke für Eltern, Geschwister und Freunde. Es gibt am Weihnachtfest auch für Jugendliche viel zu tun. Mir scheint, einige „machen mehr in Familie“ und andere langweilen sich an den Festtagen, genauso wie viele Erwachsene und so ging es mir auch oft damals. Weihnachten ist das „Fest der Liebe“ sagt einer und Maik überlegt, wie das wohl für die Soldaten in Afghanistan aussieht. Und doch bleibt es für die meisten in der Runde „die schönste Zeit im Jahr“. Leon, Lasse, Lennart, Lena und Laura können dem vorweihnachtlichen Kekse backen, dem Geschenke kaufen und dem gemeinsamen Baum schmücken mit Mutter oder Vater viel Positives abgewinnen. Einige Jungs freuen sich allerdings eher auf die kulinarischen Höhepunkte des Weihnachtsessens, während die Mädchen eher das Beisammensein mit der zum Fest um Großeltern oder Onkel und Tante erweiterten Familie schätzen. Im Leben der Jugendlichen nimmt Schule einen immer größeren Platz ein und deshalb schätzen sie es sehr, dass an den Weihnachtstagen Ferien sind. Freie, ungeplante Zeit ist schön und nicht alltäglich. Sie wird genutzt, um am Heiligabend Astrid-Lindgren-Filme im TV zu sehen oder vormittags zum Friseur zu gehen.
Weihnachten ist „schön und gemütlich“, das Fest der Familie – das ist an diesem Abend auch bei den Teamerinnen und Teamern die Hauptbedeutung des Weihnachtsfestes. Die meisten von ihnen wurden in diesem oder in den letzten Jahren konfirmiert. Auf meine Frage nach der eigentlichen Bedeutung des Festes antworten sie doch relativ einmütig: „Die Geburt von Jesus“.
Diese christlich inhaltliche Bedeutung des Festes ist bei den Jugendlichen wohl nicht nur durch einen noch nahen Konfirmandenunterricht präsent oder weil sie – wie Lena – sich erinnern, wie es war im Krippenspiel mitzuspielen. Ich glaube auch nicht, dass die Jugendlichen mir an diesem Abend so geantwort haben, weil sie vermuten, dass Pastor Jung gern diese Antwort hören möchte.
Nein, auch bei Jugendlichen kann die Kommerzialisierung von Weihnachten die Erinnerung an den ursprünglichen Markenkern dieses Festes nicht trüben. Der Kern, die Botschaft „Gott wird Mensch“ – sie scheint hinter allen menschlichen Gebräuchen und Ritualen durch – auch wenn bei einigen Jugendlichen der Weihnachtsmann, das Christkind als Geschenkebringer bei der Bescherung längst abgelöst hat, eine Figur, die mir aus meiner Kindheit in Süddeutschland noch geläufig ist. Und auch wenn Paul oder Tim Weihnachtslieder gut finden, bleibt die Frage, ob wie früher üblich, selbst gesungen wird oder eine CD in den CD-Player eingelegt wird.
Doch, Halt! Bevor ich mich jetzt mit Loriots Opa Hoppenstedt in ein „früher war mehr …“ ergehe, ziehe ich nach diesem lebendigen Gesprächsabend mit Jasmin, Patricia, Finja, Laura, Cedric und den anderen Jugendlichen folgen-des Fazit: Weihnachten ist und bleibt das Fest der Familie – aber eben auch der Heiligen Familie. Denn nicht nur in der Martin-Luther-Kirche wird dieses Jahr wie „alle Jahre wieder“ von der heiligen Familie, eben dem Kind in Windeln, seiner Mutter Maria, seinem Vater Josef und von „dem Vater im Himmel“ die Rede sein. Und so freue ich mich, dass die Kirchen an Weihnachten wieder voll sein werden. Und ich freue mich, dass einige dieser Jugendlichen die volkskirchliche, protestantische Normalität erleben, dass der Kirchgang mit der Familie am Heiligen Abend ein gutes, familiäres Ritual ist. Oder Finja und Lena, die dieses Jahr in einem Heiligabend-Gottes-dienst mitwirken, tun dies auch, weil Ihnen die Botschaft von Weihnachten wichtig ist.
Und dann nach diesem Ritual, zu Hause vor der Bescherung und vor einem leckeren Weihnachtsessen im Kreis der Familie, da werden vielleicht nicht nur in Annas Familie, sondern auch bei Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, dann die altvertrauten Worte aus Lukas 2 gelesen: „Es begab sich aber zu der Zeit, … “ Ja, vielleicht trauen Sie sich sogar miteinander „O, du fröhliche“ oder „Stille Nacht“ zu singen. Das hilft und lässt Weihnachten durch diese Rituale wirklich werden! Weihnachten berührt alle und wärmt nicht nur Jugendliche, denen oft Coolness nachgesagt wird.
Ich wünsche auch Ihnen als Erwachsenen, mit dem Team von „mittendrin“, dass auch Sie Weihnachten nicht kalt lässt!

Hans-Jürgen Jung