Die christlich-muslimische Frauenrunde

„Wie bestimmt man die Stunde, in der die Nacht endet und der Tag beginnt?“, hat einmal ein Rabbi seine Schüler gefragt. „Vielleicht, wenn es hell genug ist, ein Schaf von einem Hund zu unterscheiden?“, so die Schüler. „Oder wenn man von weitem einen Feigen- von einem Dattelbaum unterscheiden kann?“ Der Rabbi schüttelte den Kopf. „Aber wann ist es dann?” Der Rabbi antwortete: „Es ist dann, wenn Ihr in das Gesicht eines beliebigen Menschen schaut und dort Eure Schwester oder Euren Bruder erkennt. Bis dahin ist noch Nacht bei uns.“

Warum erzähle ich diese jüdische Geschichte? Weil sie ins Herz dessen trifft, was ich in den Treffen zwischen muslimischen, katholischen und evangelischen Frauen hier in Findorff erlebe, was das Kostbare dieser Begegnungen ausmacht: Wir beginnen, in der anderen nicht die Muslima, nicht die Christin zu sehen, nicht irgendeine Fremde, sondern die Schwester.

Seit fast zwei Jahren laden wir uns reihum in unsere Gemeinden ein. Die anfänglichen, langen Vorstellungsrunden, in denen jede nur kurz den Namen nannte und etwas zu Beruf und / oder Familie sagte, sind längst intensiven Gesprächen in Kleingruppen gewichen, in denen es um Glaubens- und Lebensthemen geht, die uns bewegen. Am Ende des Ramadans lag es z.B. nahe, über die unterschiedlichen Fasten-Traditionen unserer Religionen ins Gespräch zu kommen. Vor allem aber, was das Fasten den Einzelnen ganz persönlich bedeutet und wie es im Alltag gelebt und gestaltet wird. Wir haben überraschende Ähnlichkeiten aber auch Unterschiede entdeckt, nicht nur zwischen den muslimischen, sondern auch zwischen katholischen und evangelischen Frauen.

Bald war klar: Wir wollen keine Reihe von Expertenvorträgen übereinander, wollen nicht offizielle Lehrmeinungen hören – die kann man nachlesen –, sondern miteinander ins Gespräch kommen. Was glaubst du? Was ist dir wichtig? Wie erlebst du das?

Statt sich – wie es so oft geschieht – die alten, immer wieder bemühten Vorurteile übereinander bestätigen zu lassen, wollen wir uns bei unseren Treffen wirklich begegnen – auf Augenhöhe. Wollen voneinander lernen. In dem Bewusstsein, dass keine unserer Religionen einen Alleinanspruch auf die Wahrheit hat, dass wir uns in unserer Unterschiedlichkeit brauchen. Darum steht das Zuhören, Nachfragen und Verstehen-Wollen im Mittelpunkt.

So beginnen die Treffen zwar meist mit kurzen Impulsreferaten: Semra Tülek, muslimische Theologin und Religionsbeauftragte der Bremer Moscheen, Gemeindereferent Boris Uroic aus der katholischen St. Bonifatius-Gemeinde – übrigens der einzige Mann in der Runde! – und ich als evangelische Pastorin führen kurz in ein Thema ein. Doch die meiste Zeit sitzen wir in kleinen Runden zusammen, in denen jede zu Wort kommt und sich in munterem Wechsel zwischen türkisch und deutsch ein lebhaftes Gespräch entspannt.
Die Atmosphäre ist geprägt von Lachen, Neugier und Offenheit. Vertrauen ist gewachsen und es geht herzlich zu. Dazu tragen sicher auch die leckeren Kleinigkeiten bei, die die jeweiligen Gastgeberinnen beisteuern.

Mir sind die Treffen zum Herzensanliegen geworden. Nicht nur, weil ich viel Neues erfahre, wie z.B. dass es im Koran eine Sure über Maria, die Mutter Jesu, gibt und sie im Islam als Prophetin verehrt wird. Sondern vor allem, weil hier aus Fremden Freundinnen geworden sind, ja Schwestern. Und das Dunkel der Nacht dem Morgen weicht.

Die anfangs fremden Namen sind jetzt vertraut. Ich freue mich, wenn ich Serpil oder Fahriye oder eine der anderen Frauen im Stadtteil über den Weg laufe – gehe nicht mehr wie früher grußlos vorbei. Denn jetzt kennen wir uns, bleiben auf einen Klönschnack stehen – wie gute Nachbarinnen eben! Und das empfinde ich – „inschallah“ – als Segen.

Jennifer Kauther

Herzliche Einladung zur nächsten christlich-muslimischen Frauenrunde am
Freitag, 16.11., 18 Uhr, St. Bonifatius-Gemeinde zum Thema
„Abschied – Beerdigungen in unseren Religionen“.