“All inclusive” oder…

„Störungen haben Vorrang“ – das ist das Motto einer Bewegung in der Pädagogik: damit sich eine Lerngruppe dem Thema zuwenden kann, braucht es die Aufmerksamkeit aller. Wenn nun eine Störung vorliegt, welcher Art auch immer, müssen wir uns zuerst dem zuwenden, was unser gemeinsames Lernen stört, um es aus dem Weg zu räumen. Dann können wir uns wieder daran machen, am Thema zu arbeiten.
Nachdem ich im August 2011 zusammen mit einem Team die Arbeit in einer inklusiven Konfirmandengruppe begonnen habe, weitet sich nun noch einmal mein Blick. Im Team gestehen wir uns zu, dass auch Störungen sein dürfen. Sie sind die Grundlage unserer Arbeit. Es gehört also zu einem inklusiven Konfirmandenunterricht auch das dazu, was stört. Das ist schwer zu glauben, aber doch recht einfach zu leben. Plötzlich fällt die Anstrengung weg, mich nur von meiner vorzeigbaren Seite zu zeigen. Und so entstehen ungeahnte Kräfte. Wir leben und arbeiten miteinander aus einem Geist der „Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“. Nicht (mehr) aus dem Geist der Furcht
(2. Timotheus 1,7), jemand könnte meine Schwäche offenbaren.
Aus dieser Haltung heraus sind wir von Beginn an den Jugendlichen begegnet. Denen ohne erkennbare und den anderen mit erkennbaren Einschränkungen. Und viel schneller als ich dachte hat sich etwas von diesem Geist ausgebreitet. Wenn jemand sich nicht mehr konzentrieren kann, dann ist das eben so. Er darf nun tun, was ihm gut tut, ohne dass wir weiter anmahnen, sich doch zu konzentrieren. Wenn jemand Mühe hat mit dem Erkennen von Buchstaben, dann ist das eben so, und er oder sie braucht nicht vorzulesen. Wenn es mir selbst nicht gut geht, dann muss ich nicht so tun, als ginge es mir gut – etwa weil das ungeschriebene Gesetz unserer Gesellschaft sagt: „Du sollst funktionieren“. Wenn jemand Ängste hat, dann sind sie eben da, und er darf sie einfach aussprechen (… und ich bin erstaunt, wie sehr die Welt der Jugendlichen von Ängsten bestimmt ist). Dafür stellen wir einen Raum zur Verfügung, unsere Zeit, und unsere Offenheit. Und keiner ist mehr draußen, weil er oder sie „anders“ ist.
Diesen Weg zu gehen, helfen uns durch ihre Spontaneität und Unbefangenheit gerade die Menschen, die wir gewöhnlich als „behindert“ bezeichnen. So führt mich mein Nachdenken über „Inklusion“ zu einer grundlegenden Anfrage an unsere Leistungsgesellschaft: was behindert uns wirklich?
Ich blicke schon länger mit großen Zweifeln auf die scheinbar hilfreiche Einteilung der Welt in die gesunde, leistungsstarke Hälfte und die schwache, behinderte, für die die gesunde ihre Kräfte mobilisieren muss. „Irre – Wir behandeln die Falschen“ lautet ein Buchtitel des Arztes und rheinländischen Theologen Manfred Lütz. Hat er Recht? – Ja!
Denn sehe ich auf die Heilungsgeschichten des Neuen Testaments, so wird mir immer klarer, dass die Perspektive Jesu, seine Worte und sein Tun genau darauf zielten, diese Mauern einzureißen, die uns daran hindern, wirklich „all inclusive“ miteinander zu leben.
Norbert Harms