Leselust

Vor ein paar Wochen las ich in der Zeitung, dass Karl Lagerfeld ein Parfum kreieren möchte, das nach Büchern riecht. Das Duftwässerchen soll eine fettige Note haben und linolartige Gerüche verströmen. Karl Lagerfeld liebt Bücher und hat so um die 300 000 Exemplare. Die Verbindung zwischen sinnlicher Erfahrung und Lesen deutet auch der Ausdruck „Leselust“ an, mit dem ein Online-Buchhandel mir Postkarten mit lesenden Frauen verkaufen möchte. Leselust heißt übrigens auch eine Seite meiner Sonntagszeitung.
Es geht bei Büchern in erster Linie um die Geschichten, die erzählt werden, aber auch darum, dass man sie in der Hand halten, mit sich herumtragen, ausleihen ja sogar „lieben“ kann. Passionierte Seelen genießen das Haptische, die sinnliche Erfahrung, den Geruch nach Papier und Kleber oder das schabende Geräusch, wenn eine Seite umgeblättert wird. Als ich Kind war, galten Fettflecken, Eselsohren oder Kommentare flüchtig an den Seitenrand gekritzelt als Schande für ein Buch. Heute ist man da lockerer, zumindest was die eigenen Bücher betrifft.
Mit einigen Büchern verbindet mich eine Art Freundschaft. Ein lieber Mensch hat sie mir vielleicht geschenkt oder die Geschichten, die sie erzählen, haben mich tief berührt. Solche Bücher verleihe ich selten oder nie. Ich habe auch Bücher aus zweiter Hand erworben, z. B. eine französische Ausgabe vom kleinen Prinzen von St. Exupéry. Auf der ersten Seite steht eine persönliche Widmung, eine Art Liebeserklärung der Person, die vor vielen Jahren diese wunderschöne Geschichte verschenkt hat. So etwas ist spannend und macht so eine Ausgabe für mich wertvoll.
Digitalisierte Texte, E-books, kann man inzwischen auch am Bildschirm lesen oder auch hören. Sind die Tage des guten alten Buchs gezählt?
Ich kann keine Statistik vorlegen, aber wenn ich meine Internetrecherchen und spontanen Befragungen auswerte, dann sind es vor allem Frauen, die Bücher lesen. Kinder und Jugendliche, die zur Schule gehen, müssen dort schon eine Menge lesen, so dass sie, wenn überhaupt, nur in den Ferien zu Romanen greifen. Männer lesen, wenn sie mit dem Zug unterwegs sind und keinen Laptop dabei haben. Der Untergang des Buches wurde schon öfter herauf-beschworen, z. B. als das Fernsehen unser Konsum- und Freizeitverhalten änderte. Aber diejenigen, die gerne lesen, tun das auch heute noch. Es ist nicht immer entscheidend, was in den Familien vorgelebt wird. Meine Söhne lesen eher selten. Individuelle Vorlieben eines Menschen spielen eine Rolle, und von gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die das Lesen erschweren, will ich gar nicht reden.
Ein arabisches Sprichwort sagt: „Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt“.
Ab 18. Juni haben Sie 14 Tage lang Zeit, sich die schönsten Blumen für Ihren Garten zu pflücken. Im Gemeindezentrum der Martin-Luther-Gemeinde ist im Foyer ein Bücherbasar aufgebaut, wo Sie nach Herzenslust stöbern und kaufen können, um Ihrer Leselust zu frönen.
Elsbeth Menze-Dittmayer

Elsbeth Menze-Dittmayer