Luther, Rom und Kairo

Ich schreibe diese Zeilen im Februar, nachdem wir beim Seniorennachmittag den Luther – Film gesehen haben (den mit Bruno Ganz und Sir Peter Ustinov, ein sehenswerter Film, nicht nur für Protestanten…) Was mich diesmal besonders angerührt hat, war die Szene, als die Landesfürsten vor den Kaiser geladen werden. Er verlangt ihren Gehorsam, und das hieß: sich dem Glauben und auch dem Machtgefüge der Kirche zu unterwerfen. Der Kaiser wusste, dass die revolutionäre Lehre Luthers nicht mehr aufzuhalten war. Zu sehr hatte im Volk schon eine Stimmung von Auflehnung um sich gegriffen. Es war vorbei mit dem bloßen Entgegennehmen der Wahrheiten, die die Autoritäten lehren. Alle bisherigen Versuche, durch gutes Zureden, Bedrohung wie auch Bestechung, den Theologen Luther mundtot zu machen, waren schon gescheitert. In diesem Moment, während des Reichtages in Augsburg 1530, setzten nun manche der Landesfürsten durch, dass sie ihr eigenes, reformatorisches Bekenntnis sprechen durften.
Eine Voraussetzung für diese Bewegung war zweifellos die Erfindung des Buchdrucks. Schnell und in weite Teile des Landes konnten sich Luthers Schriften ausbreiten. Ebenso schnell hat ein großer Teil des Volkes diese frei machende, klare Botschaft förmlich aufgesogen.
Von hier aus sei ein Blick auf den Sturz des Diktators Mubarak, und auch auf den Aufstand des Volkes in Tunesien erlaubt: Mithilfe moderner Kommunikation ist es möglich, dass breite Bevölkerungsschichten schnell Nachricht bekommen, wenn irgendwo die Keimzelle einer Freiheitsbewegung entsteht. Botschaften, die von den Herrschenden bewusst eingesetzt werden, um das Volk in Unmündigkeit zu halten, können leichter als das entlarvt werden, was sie sind: Lüge.
In dem Film ist es der Ablassprediger Tetzel: Am Ende hört ihm keiner mehr zu. Das Volk hat es satt, sich einschüchtern oder umwerben zu lassen, um ein bröckelndes, unglaubwürdiges System am Leben zu halten.
Ich habe die letzte Rede Mubaraks an sein Volk mit-gehört, und dann, was selten passiert, den Fernseher eingeschaltet: Hier der Repräsentant eines diktatorischen, unglaubwürdigen Systems, der weiterhin für Vertrauen wirbt – dort das Volk, das ihm schon nicht mehr zuhört.
Das Volk hat in diesem Moment seine Würde behauptet, gezeigt und gestärkt.
Was ist nun eigentlich meine Botschaft?
Immer wieder treffe ich in der Gemeinde (aber genauso in verborgenen Winkeln meiner Seele) auf eine Haltung der Resignation: Alles wird immer nur noch schlechter. Und daran können wir schon gar nichts ausrichten.
Nein.
Immer wieder wird sich Gottes Geist, seine Kraft, in den Menschen zeigen. Es ist jene Kraft, von der wir in unserem Bekenntnis sagen: Sie „schenkt uns neue Anfänge und gibt uns Mut, die Kette des Bösen zu durchbrechen.“ Aus dieser Kraft heraus setzen wir uns ein für unsere Würde und die Würde anderer.
Norbert Harms