Weihnachten

z.B. in Bolivien: Heiß oder kalt

Da steht er wieder, unser Tannenbaum. Er steht da, wie alle Jahre wieder in La Paz, Bolivien. Kein Nadeln, kein Suchen – er ist jedes Jahr derselbe, denn er ist aus Plastik. Wer hätte das gedacht, dass ich einmal einen Tannenbaum aus Plastik mit kunterbunten Lichterketten schmücken würde! Aber so ist das hier in Bolivien eben. Denn das Hochland ist praktisch waldlos. Es gibt mühsame Entwicklungsprojekte, in windgeschützten Tälern wieder Bäume anzupflanzen. Die wenigen „Pinos“ (Kiefern), die in der Stadt verkauft werden, sind oft illegal aus den tiefer gelegenen Nationalparks geschlagen.
In La Paz ist es zu Weihnachten Sommer – es sind die wenigen Tage, an denen man in geschlossenen Räumen und im Schatten nicht friert. Weihnachten ist hier das Fest, zu dem man sich mit der Familie und mit Freunden auf den öffentlichen Plätzen trifft, spazieren geht, spielt – und nicht so sehr ein reines Familienfest, wie bei uns in Deutschland.
So angenehm es in La Paz auf fast 4.000 Meter Höhe ist – so anders ist es, wenn man sich in das endlose Flachland begibt, das sich östlich der Anden bis nach Brasilien erstreckt. In der Metropole Santa Cruz ist es auch Sommer – aber tropischer Sommer. Fliegt man in La Paz noch mit Pullover und dicker Daunenjacke los, so ist nach der Landung in Santa Cruz oft schon ein kurzärmeliges Hemd zu viel. Trotzdem: Kurze Hosen oder Sandalen sind für Männer absolut verpönt. Aber den Weihnachtsgottesdienst im Talar zu halten, ist auch völlig unmöglich, da die Hitze schier unerträglich ist. Aber entsprechend ist auch die Kleiderordnung der Gottesdienstbesucher – kurze, luftige Hemden und Blusen. Der Gemeindeleiter stellt seinen Garten für die Feier zur Verfügung. Wir sitzen am Abend draußen unter dem Sternenzelt, die Grillen geben ihr lautes Konzert, die Kerzen auf dem Altartisch biegen sich langsam in der Hitze. Der laue spätere Abend ist herrlich. Wie immer gibt es nach dem Gottesdienst ein gemütliches Beisammensein bei Bowle und einem Buffet, zu dem jeder etwas mitbringt. Es herrscht eine wunderbare Stimmung – die aber absolut unvergleichbar ist mit dem, was in Deutschland zur Weihnachtsatmosphäre dazu gehört.
Nach dem Gottesdienst, wenn alles wieder aufgeräumt ist, kommt noch etwas ganz Besonderes: Ich ziehe schnell die Badehose an und springe für eine Runde zu Abkühlung in den kleinen Pool. Lege mich auf den Rücken und denke:
„Ja, so kann man auch Weihnachten feiern!“
Heinz-Martin Krauß

war bis 2012 Pastor in der Kirchengemeinde in der Neuen Vahr. Er war von 2001 – 2007 Auslandspastor der EKD in Boliviens Hauptstadt La Paz.