Pastorin Kauther zur Predigtreihe im Juni

Vater unser im Himmel …

Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich die Worte jemals auswendig gelernt hätte.
Den 23. Psalm, den ich für den Konfirmandenunterricht lernen musste, hat meine bibelfeste Oma mir mühsam eintrichtern müssen, bis ich ihn mir endlich merken konnte. Anders die Worte des Vaterunsers. Die waren einfach da, waren inwendig gewachsen durch die vielen Male, die ich sie im Kindergottesdienst oder Zuhause gehört hatte. Ich habe sie mitgesprochen, mich in ihnen geborgen gefühlt – längst bevor ich sie verstanden habe.
Seitdem begleiten sie mich. Unzählige Male habe ich sie gebetet – manchmal voller Inbrunst, manchmal eher mechanisch, in Gedanken ganz woanders, mal mit leichtem, mal mit schwerem Herzen. Manchmal hat mich eine einzelne Bitte ganz besonders berührt, dann wieder konnte ich eine Zeile nicht mitsprechen, weil sie mir leer und fremd schien.
Im Konfirmandenunterricht habe ich mich dann zum ersten Mal bewusst mit dem Vaterunser auseinander gesetzt. Wir lasen Martin Luthers Erklärungen der einzelnen Bitten aus dem Kleinen Katechismus. Besonders wichtig war mir diese:
„Was heißt denn tägliches Brot? — Alles, was not tut für Leib und Leben,wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh,Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“
Das hieß doch, dass ich in diese Bitte meine eigenen Anliegen hinein tragen durfte. Das „Brot“ steht stellvertretend für alles, was mich nährt – an Leib, Geist und Seele. Diese offene Deutung Luthers befreite mich von einem allzu wörtlichen zu einem weiten Verständnis der Vaterunser-Bitten.
Und damit begann ein innerer Dialog zwischen mir und dem Vaterunser. Eine Art „Liebesgeschichte“, in der – wie bei menschlichen Beziehungen – beide Partner einander immer vertrauter werden und immer wieder auch Neues aneinander entdecken.
Später habe ich dann die Demut und Schönheit des Wortes „täglich“ entdeckt. Um das tägliche Brot zu bitten, das heißt für mich: das Sorgen um das Morgen zu lassen. Ich kann aufhören, mich nach allen Seiten abzusichern. Und ich kann vertrauen, dass Gott – jeden Tag neu! – gut für mich sorgt. Und so übe ich mich mit dieser Bitte Schritt für Schritt ein ins Loslassen der Sorgen und in die schöne schwere Kunst des Gegenwärtig-Seins.
Ähnlich geht es mir auch mit den anderen Bitten. Immer wieder entdecke ich Neues in ihnen, kommen andere Dimensionen zum Vorschein. Dazu gehören auch Auseinandersetzungen und Widerspruch – wie in jeder lebendigen Beziehung!
Ich wäre ja gerne fromm genug gewesen, um aus ganzem Herzen „dein Wille geschehe“ zu beten – aber die Stimme der Rebellion in mir war nicht zu überhören: „Und was ist mit meinem Willen?“ Heute verstehe ich diese Bitte nicht mehr als Unterordnung und blinden Gehorsam gegenüber einem allmächtigen Herrscher. Vielmehr sehe ich sie als eine Übung der Hingabe an die göttliche Kraft, an das Leben selbst. Auch wenn das bewusste Ich, das „Ego“ oft etwas anderes will, kann ich diese Worte sprechen, weil ich ahne und hoffe, dass der göttliche Wille eins ist mit dem, was meine Seele zutiefst ersehnt.
So berührt das Vaterunser mit seinen unterschiedlichen Bitten die großen Themen unseres Lebens. Wir beten diese Worte nicht nur, wir wachsen unser Leben lang in sie hinein.
Zuletzt: So, wie wir an manchen Orten in der Natur oder in manchen alten Kirchen unwillkürlich spüren: „Dieser Ort ist heilig!“, geht es mir auch mit dem Vaterunser. Es ist, als würde ich beim Beten der Worte Jesu ein Kraftfeld betreten. Wenn ich es spreche, sind darin all die Generationen bei mir, die sie im Laufe der Jahrhunderte vor mir gebetet haben. Auf der ganzen Welt. So bin ich durch Zeit und Raum mit ihnen allen verbunden – aufgehoben in Gott.

Gottesdienste

Sonntag, 23. 7.

10 Uhr, Kirche
Der Talar – ein Missverständnis
Anschließend Gespräch zum Thema
Pastor Kramer

Sonntag, 30. 7.

10 Uhr, Kirche
Hunger (Johannes 6, 30-35
Pastor Kramer

Samstag, 5. 8.

9 Uhr, Kirche
„Irgendwie anders“ – Ökumenischer Gottesdienst zum Schulanfang
Pastoralreferent Gebbe, Pastor Kramer und Findorffer Grundschüler

Sonntag, 6. 8.

10 Uhr, Kirche
Die Völkerwallfahrt zum Zion
Gottesdienst mit Abendmahl
Pastorin Witte

10 Uhr, Raum 1
Kinderkirche
Pastor Harms und Team

18.30 Uhr, Kapelle
Kurzfilmandacht
Pastorin Witte

Sonntag, 13. 8.

10 Uhr, Klostergarten
Taufgottesdienst
Pastor Harms

Freitag, 18. 8.

18 Uhr, Kirche
Begrüßungsgottesdienst für die neuen Konfirmanden
Anschließend Konfi-Party im Gemeindezentrum
Pastor Harms

Sonntag, 20. 8.

10 Uhr, Kirche
Weil Gott treu ist – Gottesdienst zum Israelsonntag
Pastor Kramer

10 Uhr, Raum 1
Kinderkirche
Pastor Harms und Team

Sonntag, 27. 8.

10 Uhr, Kirche
Gottesdienst
Anschließend Gespräch zum Thema
Pastorin Witte

18 Uhr, Kapelle
Taizé-Andacht
Verena Maier, Tabea Lenzen und Sonja Großewinkelmann