»mittendrin« – März 2010

„Halb so schlimm?“

„Die jungen Leute heute wissen gar nicht mehr, was wir damals durchgemacht haben“, sagt eine ältere Frau, die 1944/45 aus Ostpreußen fliehen musste und mir von ihren furchtbaren Erlebnissen berichtet. Sie sagt es mit einem vorwurfsvollen Ton. Ich weiß nicht genau, was der Vorwurf ist: dass heute eine Generation groß geworden ist, die Krieg und Vertreibung, Hunger und Elend nicht mehr aus eigener leidvoller Erfahrung kennt und hier in Deutschland nichts als Frieden erlebt hat oder dass es nicht genug Verständnis für jene Älteren gibt, die ein schweres Schicksal getragen haben?
Nicht nur hier versuchen Menschen, ihr eigenes Leid gegen anderes aufzurechnen. „Das ist halb so schlimm, da musste ich aber ganz andere Dinge durchmachen“, denkt man vielleicht, wenn man von den Leiderzählungen anderer hört. Und manchmal sagt man es – und schafft damit böses Blut.

Ich habe schon Geburtstagsrunden erlebt, bei denen sich die Gäste im Wettbewerb um die Geschichte vom schlimmsten Leid übertrumpften. Besser verstanden oder erleichtert oder glücklicher fühlte sich am Ende niemand.
Wer versucht, das eigene Leid gegen fremdes aufzurechnen, wird erleben, dass die Rechnung am Ende nicht aufgeht. Unser Leben ist überhaupt keine mathematische Formel, in der wir nach plus und minus rechnen könnten. Auch wenn wir manchmal von einer Lebensbilanz sprechen, so lassen sich doch die schönen und schweren Ereignisse unseres Lebens nicht wie Soll und Haben in ein Buch eintragen und miteinander verrechnen. Das Leid wird nicht durch Freude aufgewogen und es wird auch nicht leichter, indem ich das Leid anderer klein rede.
Es gibt nur eine sprichwörtliche Lebensformel, die ein gewisses Recht hat: „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ Denn leichter, das wissen wir alle, wird der Schmerz, wenn wir darin anerkannt und gesehen werden (und umgekehrt: schlimmer wird er, wenn er geleugnet oder relativiert wird).
Du siehst es doch, denn du schaust das Elend und den Jammer,
heißt es deshalb tröstlich in den Psalmen (10,14).
Und wir wissen auch, dass derjenige Leid am besten teilen kann, der selber welches erlebt hat. Deshalb kann uns Jesus in unserem Leid nahe kommen und uns wirklich helfen. Er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen, wird von ihm gesagt. (Jesaja 53, 4).
Dass wir selber Schlimmes erlebt haben, sollte uns dazu befähigen, das Leid anderer zu sehen und anzuerkennen, uns ihnen zuzuwenden und es dadurch zu halbieren, dass wir es teilen und unseren Teil mittragen.
Klaus Kramer