“Fürchet euch nicht…

Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren…“ (Lukas 2,10f) Diese Botschaft der Engel ist eine Zumutung. Nicht nur Anfang November, während ich diesen Artikel schreibe, sondern wohl auch noch im Dezember, wenn Sie diese Weihnachtsausgabe des „mittendrin“ in Händen halten. „Fürchtet Euch nicht“ – diese Worte trotz eines unaufhaltsam rollenden Castor-Behälters, trotz Paketbomben in der Luftfracht, trotz des gigantomanischen und in seinem Nutzen umstrittenen Bahnhofprojekts Stuttgart 21. Wirtschaftlich geht es wohl wieder aufwärts, aber dennoch sind „Sparer im Goldrausch. Die Angst vor einer Inflation erfreut die Edelmetall-Händler. Anleger kaufen Gold trotz Rekordpreisen.“ (Zeit-Online, 9.11.2010). Unsicherheit, Angst, wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich und persönlich, das macht uns wohl „alle Jahre wieder“ den Hirten nah, denen dieses „Fürchtet euch nicht“ zuerst galt.
All unsere Weihnachtsrituale in der dunkleren Jahreszeit, vom Spekulatius ab September in den Supermärkten, dem Lichterglanz in den Fenstern, den weihnachtlichen Geschenken und dem Essen mit Familie und Freunden bis hin zur Weihnachtsbaumentsorgung zusammen mit dem Biomüll an einem Dienstag im Januar – durch diese Rituale versuchen wir in einer unsicheren Zeit, dem Grundgefühl Angst etwas entgegen zu setzen.
Manche mögen diese zum Weihnachtsfest dazu gehörenden Rituale als hilflose Versuche belächeln oder als wirkungslose Placebos diffamieren. Aber dies wird deren und meinen schmerzenden Gefühlen angesichts unserer Wirklichkeit nicht gerecht. Auch Weihnachten 2010 sehe und spüre ich bei vielen von uns wieder eine tiefe Sehnsucht, spüre ein menschliches Grundbedürfnis nach einer Welt, die geprägt ist durch weniger Furcht, nach einer weniger komplexen Welt ohne Angst und Bedrohung. Es ist die Erwartung und die Hoffnung, dass der Satz aus dem Johannesevangelium sich als wahr erweist:
„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh 3,16)
Über diesen Satz werden 2010 in gut gefüllten Heiligenabendgottesdiensten manche Kolleginnen und Kollegen predigen. Und das ist gut so.
Denn das ist Gottes Perspektive auf unsere Welt im Dezember 2010. Doch es bleibt nicht bei dieser Google-Earth-Perspektive auf die Welt. Gott bewegt sich, er kommt zu uns, wird Mensch. Er nimmt den konkreten Schmerz und die Sehnsucht von uns Menschen auf sich. In der Geburt des auf Hilfe angewiesenen göttlichen Kindes und Menschen Jesus, wird das „Fürchtet Euch nicht!“ sichtbar.
Es gibt ewiges Leben mitten im Leben, richtiges Leben inmitten des Falschen. Gott ist mit uns:
Eben in der Finanzkrise und im Aufschwung. Er ist bei den Gegnern von Stuttgart 21 und bei den Befürwortern, bei den Castor-Gegnern und bei den Polizisten, die den Atommüll begleiten müssen. „Fürchtet Euch nicht!“ Das gilt auch meinen persönlichen Nöten und Sehnsüchten. Die ganze Welt und ich bin geliebt – das gilt auch und „alle Jahre wieder“ zu Weihnachten 2010.
Gesegnete Weihnachten und ein gutes Neues Jahr 2011!

Hans-Jürgen Jung